Ammarindar

Buch: Ammarindar

Autor:Solanis Elkandur
Verfasst:1388 TZ
  
Form:dünnes Buch
Umfang:50 Seiten
Sprache:Chondathan
Anspruch:mittel
Zugang:Arkaner Zirkel, offen zugänglich
Turm im Bärenwald, eingeschränkt

Das schmale Buch befasst sich mit der Geschichte des gefallenen Zwergenreiches Ammarindar in den Graufgipelbergen am südöstlichen Delimbiyr.

1.  Einleitung

Es mag der Glanz des alten Nesseril, jener Earlanns und ganz bestimmt auch der Delzouns gewesen sein, der das ehrwürdige Zwergenkönigreich Ammarindar in den Schatten der historischen Forschung drängte. Findet der Besucher heute seinen Weg nach Lautwasser oder Llorkh so wird er in den Bibliotheken eine wahre Fülle an Werken zum alten Earlann und zum Nesseril vorfinden, die durchaus ihre Daseinsberechtigung haben mag und vor dem Hintergrund der jüngeren Geschichte auch eine Relevanz besitzt, die nicht von der Hand zu weisen ist. Und dennoch gab es Ammarindar und es mag vielleicht an der geringeren Rolle in der Forschungsarbeit liegen, dass die Legendenbildung in einer Weise befördert wurde, die das Zwergenreich in eine ganz und gar unverdiente Ecke der seriösen Forschung, nämlich die der Mythologie, gerückt hat. Auch hierfür sollen im Verlauf dieser Abhandlung Gründe benannt werden und ohne den Anspruch ein Appell zu sein, die Sichtweise auf Ammarindar korrigiert werden.

2.  Quellenlage

Vorab seien einige Anmerkungen zur Quellenlage getroffen. Sehr wohl gibt es Chroniken, die die Eckdaten der Geschichten Ammarindars wiedergeben. Allzeit gekoppelt an die Historie Delzouns und natürlich Nesserils, vor allem aber eingebunden in die komplexeren historischen Ereignisse jener Zeit. Sich stets hütend vor Bewertungen geraten diese Werke, wie sie in den Bibliotheken Tiefwassers, Silbrigmonds und Sundabars vorgefunden werden können, zu profunden aber denkbar deskriptiven Darstellungen in denen schlimmstenfalls der Gegenstand zur Randbemerkung wird. So werfen diese Werke vor allem eine Frage auf: wird es dem Leser nicht zugetraut, von sich aus zu kontextualisieren und die Ereignisse in einen historischen Rahmen einzuordnen? Ohne diese Frage letztlich beantworten zu können oder überhaupt zu wollen, sei dazu abschließend bemerkt, dass dies nicht die qualitative Ebene sein muss, auf der sich mit Historie beschäftigt werden muss.

Exemplarisch für diese Form des Standards sei das durchaus in solidem Stil verfasste Werk des Jerom Goldherz genannt. "Die gefallenen Zwergenkönigreiche des Nordens - Ammarindar und Delzoun" gibt eine ansprechende Chronologie mitsamt der Benennung und Beschreibung einiger Orte wieder einschließlich Bemerkungen zu dem gerüchteweise bestehenden Zustand. Die Lektüre sei dem Leser ans Herz gelegt, will er sich einen ersten Überblick über Ammarindar verschaffen.

3.  Gründung

Der Aufstieg Ammarindars begründet sich vor allem auf zwei Faktoren: den reichhaltigen Admantitvorkommen der Graugipfelberge und dem Fall anderer Zwergenkönigreiche, insbesondere jener des Südens. Doch schon lange bevor die daraus bedingte Migration zustande kam, siedelten einzelne Clans der Schildzwerge in diesem Gebiet, deren Vorfahren wiederum aus dem Osten und dem Süden stammend, die Graugipfelberge zu ihrer Heimat machten. Ausgehend davon, dass die Gründung des Königreichs Ammarindar auf etwas 4200 bis 4100 vor unserer Zeitrechnung viel, muss diese Region also schon vor dem Fall anderer Zwergenkönigreiche wie Shantar, Oghrann und Besilmer große Ausstrahlungskraft besessen haben, wobei die Nesserberge im Norden, der Hochwald im Westen und das Hochmoor im Südwesten als natürliche Begrenzungen betrachtet werden können, wobei insbesondere ersteren eine besondere Bedeutung zukommt.

Es ist anzunehmen, das sich der Name "Ammarindar" aus den großen Kavernen in den Graugipfelbergen ableitet, in denen die Clans ihre Behausungen errichteten. Die genauen Namen jener ersten größeren Siedlungen sind heute nicht mehr bekannt. Die ersten Schildzwerge, die von weiter her ihren Weg in die Graugipfelberge fanden, kamen bereits im 6. Jahrtausend vor Taliser Zeit aus der Region von Shantar. Die ständigen Kriege, mit denen sich das neu gegründe Hoch Shantar konfrontiert sah, dürften noch bis eta 2600 vor Taliser Zeitrechnung für einen steten Zustrom aus Flüchtlingen gesorgt haben, wobei der größte Teil jener Schildzwerge seinen Weg westlich des Hochwaldes in das Gebiet der Silbermarken beziehungsweise Delzouns gesucht haben dürfte. Ebenso wie jene des etwa zur Gründungszeit Ammarindars im Niedergang befindlichen Zwergenreichs Besilmer im Westen.

Jene Schildzwerge aus den untergehenden Reichen des Südens und Westens brachten sowohl kulturellen als auch technologischen Erfahrungsschatz nach Ammarindar. Insbesondere die Erfahrungen im Festungsbau zahlten sich bis zum Ende des Reiches aus und noch heute sind die Ruinen selbst kaum als solche zu bezeichnen.

4.  Aufstieg

Den eigentlichen Aufschwung Ammarindars allerdings brachte die Gründung und das Aufstreben der Nesserreiche und Delzouns (etwa 3900 vor TZ) mit sich. Sowohl begünstigt durch die Lage zwischen den Reichen und "unter" Earlann als auch die reichen Vorkommen an Admantit und anderen Metallen, die auch für die Nesser von großer Wichtigkeit waren, konnte Ammarindar einen enormen Reichtum anhäufen. Symbol dieses Reichtums bildete die Hauptstadt Splendarrmornn, gelegen im westlichsten Ausläufer der Graugipfelberge, das gleichsam die südöstliche Grenze Earlanns markierte. Im admantenen Palast, der das Zentrum der Stadt bildete, residierten die Könige Ammarindars über Jahrtausende hinweg.

Indes bleib Ammarindar ein kleines Reich, wofür mehrere Gründe ausschlagebend sind. Zum einen fand sich mit Delzoun ein verwandtes Zwergenreich im Norden. Einhergehend mit dem natürlichen Schutzwall, den die Nesserberge bildeten, gab es keinerlei Gründe für eine Expansion in diese Richtung. Zudem bestand keine Knappheit an Ressourcen, die es nötig gemacht hätte, neue Gebiete, selbst die südlichsten Ausläufer der Graugipfelberge, zu erschließen. Expeditionen haben zudem erwiesen, dass - im Gegensatz zu anderen Zwergenreichen jener Zeit - Ammarindar bewusst auf das Platzieren von Grenzsteinen bzw. -runen verzichtete. Während die Elfen Earlanns kein Interesse an einer Expansion im Unterreich haben konnten, blieb es für die Nesser lukrativer, friedliche Handelsbeziehungen mit den Zwergen Ammarindars zu führen, zumal im Falle eines offenen Konflikts mit dem Zwergenreich die Handelskontakte mit Delzoun nicht nur zerbrochen wären, sondern jenes sich auf die Seite des Schwesternkönigreichs gestellt hätte. Es gab somit keine Veranlassung die Beziehungen durch ein wie auch immer geartetes Expansionsbestreben zu gefährden.

Dennoch sah sich Ammarindar Konflikten ausgesetzt. Mit der Gründung und dem Aufstieg Ched Nasads, einer Stadt der Drow in quasi direkter Nachbarschaft zu Splendarrmornn, begann ein über Jahrhunderte anhaltender Konflikt, wenngleich keine Berichte über größere kriegerische Auseinandersetzungen überliefert sind. Grundlegend dafür dürfte insbesondere die Schlagkräftigkeit der Truppen Ammarindars gewesen sein. Es bleibt zu vermuten, Erfahrung der migrierten Flüchtlinge aus Hoch Shantar im Hinblick auf Kriegs- und Verteidigungsstrategien geschuldet war, dass Ammarindar über Jahrtausende hinweg Angriffen trotzen konnte. Hervorzuheben ist hierbei vor allem der Kampf König Connars IV. gegen die von den Fey'ri Siluvanedes entsandten Monsterhorden, die das Elfenreich Sharrven im Jahre 2770 vor Taliser Zeit zu Fall gebracht hatten. Indem es Connar IV. gelang, den roten Wyrm zu besiegen, der die Monster anführte, zeigt sich auch der Wert Ammarindars für die benachbarten Elfenreiche Immeraska und Earlann.

5.  Beziehungen zu Nesseril

Gewiss wäre es übertrieben, den Aufstieg Nesserils mit den Handelsbeziehungen zu Ammarindar zu begründen, doch ebenso falsch stellt sich die Missachtung des Zwergenkönigreichs vor dem Hintergrund des Handels der Nesser mit Delzoun dar. Wenngleich jenes bereits etwa Jahrhundert zuvor Handelskontakte zu Nesseril über Ascore knüpfen konnte, etablierten sich die Schildzwerge Ammarindars unter König Azkuldar als wichtigste Lieferanten von Erzen und Edelmetallen. Im Gegenzug profitierte Ammarindar von den immensen Fähigkeiten der Nesser hinblicklich arkaner Magie, aber gewiss auch anderen Waren der Oberfläche.

Die Beziehungen als freundschaftlich zu bezeichnen, wäre indes vermessen. Vielmehr kann herrschte eine distanzierte Atmosphäre vor, die einerseits auf der Skepsis der Schildzwerge gegenüber dem aufstrebenden Menschenreich und andererseits auf einer gefühlten Überlegenheit des Nesser beruhte. Es wurde sich nichts geschenkt und so dürfte die Erschließung der Minen von Dekanter in den südöstlichen Ausläufern der Graugipfelberge durch die Nesser durchaus für Irritationen gesorgt haben. Die Förderung von Eisen durch die Menschen in direkter Nachbarschaft zu Ammarindar belastete zwar die Handelsbeziehungen als solche nicht, da die Zwergenminen insbesondere Edelmetalle abwarfen, die für die Nesser bedeutend waren, aber die Schildzwerge, die bewusst auf das Ziehen von Grenzen des Reiches verzichtet hatten, durften darin das Streben nach Unabhängigkeit der Nesser erkennen, das nun auch unterirdisch sichtbar wurde. Fraglich bleibt, ob die Schildzwerge von den Nessern beim Ausbau der Minen von Dekanter zu Rate gezogen wurden.

Gleichsam indes konnte das Ereignis, das das Silberne Zeitalter des Nesserreiches im Jahre 2758 vor Taliser Zeit einläutete, auch auf eine Reaktion der Nesser zurückgeführt werden, die aus dem Kampfe König Connars IV. hervorging. Indem Ammarindar durch den Sieg über die Monsterhorden nur wenige Jahre zuvor seine Kampfesstärke bewies, dürfte Nesseril zum ersten Mal die Macht der zwergischen Streitkräfte vor Augen gehalten wurden sein. So bleibt fraglich, ob dieser nesserischen Expeditionen nach Dekanter in ihrem Ursprung rein auf den Erzabbau orientiert waren oder nicht vielmehr auf eine Absicherung gegenüber Ammarindar hinauslaufen sollten.

Nichtsdestotrotz blieben die Beziehungen zwischen den Reichen auf einem recht konstanten Niveau und es kam bis zum Untergang des Nesserreiches nicht zu offenen Auseinandersetzungen, auch wenn das Misstrauen der Schildzwerge über 1100 Jahre nach der Gründung der Minen von Dekanter abermals befördert wurde. Statt die Minen von Dekanter zu räumen, wurden die ausgebauten Stollen und Kavernen von den Nessern zur Forschungsstätte umfunktioniert. Ein Umstand, der den Zwergern Ammarindars nicht verborgen bleiben konnte. Einhergehend mit der Expansion der Menschenreiches sahen sich die Könige Ammarindars genötigt, Vorbereitungen zu treffen, sollten Nesserils Ambitionen kriegerische Auswüchse mit sich bringen. Im Geheimen wurde in den südwestlichen Graugipfelbergen mit der Festung Xothol ein für das Zwergenvolk nahezu beispielloser Hort arkaner Forschung geschaffen. Mit der Fertigstellung der Magierakademie begann neben der Entwicklung besonderer Zauber, die besonders auf die Bekämpfung nesserischer Arkanisten ausgelegt war, auch jene neuer Verfahrensweisen in der Vorbereitung von Zaubern zur Verteidigung des Reiches. Die Bedeutung der in Xothol betriebenen Studien kann nicht bemessen werden, doch wirft sie hinblicklich des Untergangs Ammarindars über 1400 Jahre später durchaus Fragen auf.

In jene Zeit der geheimen Rüstung gegen eine nesserische Invasion kann auch die Planung der Festung Yaunoroth gezählt werden, die allerdings erst nach dem Untergang des Nesserreiches erbaut und vollendet werden sollte. Indes bleibt fraglich, ob die Nesser jemals tatsächlich expansionistische Bestrebungen hatten, die eine Gefahr für das Königreich Ammarindar darstellten. Vielmehr zeichnet sich das Bild eines geringer werdenden Interesses der Nesser für die Schildzwerge vor dem Hintergrund der Größe und Macht, die erlangt wurde. Und wenngleich das Misstrauen der Zwerge stetig wuchs, war es letztlich Karsus' Fall, der jenes zwangsweise beendete und im Jahre 286 vor Taliser Zeit, veranlasst durch König Tormalk, zur Schließung der Magierakademie von Xothol führte.

6.  Relative Beständigkeit

Das Ende des nesserischen Imperiums und der Zerfall der Schwesternkönigreichs Delzoun im Norden gehört wohl zu den symbolträchtigsten Zeiten des Königreich Ammarindars, die viele Fragen aufwirft. Die Orkhorden des Nordens, die maßgeblich am Zerfall Delzouns beteiligt waren, bildeten eine permanente Gefahr für Ammarindar. Mit der Erbauung der Festung Yaunoroth wurde ein uneinnehmbares Bollwerk gegen die Orks geschaffen, dessen "Ruinen" sich noch heute über den Pass erheben.

Gleichzeitig blieb Ammarindar unberührt von den Angriffen der Phaerimm, während Delzoun durch jene sein Ende fand. Das kann durchaus der geringeren Verquickung Ammarindars mit Nesseril zugeschrieben werden. Eventuell wurde die Magierakademie von Xothol auch in weiser Voraussicht oder der Angst geschlossen, dass sie eine Anziehungskraft auf die Phaerimm ausüben würde. In jedem Falle konnte sich Ammarindar dort behaupten, wo andere Reiche scheiterten. Dass hier auch die friedlichen Beziehungen mit Earlann eine Rollen spielen mochten, kann nicht von der Hand gewiesen werden. Symbolisch für jene Kooperation mag die Errichtung der Zwergenbrücke zu Lautwasser unter Führung Irikos Steinschulters im Jahre 149 Taliser Zeit gewesen sein. Das Bündnis zwischen den Elfen und den Zwergen bekräftigend, kann jenes zwischen Earlann und Ammarindar gar überlebensnotwendig für die territorial teils parallel existierenden Reiche angesehen werden.

Dennoch weisen vereinzelte Ereignisse darauf hin, dass die Blütezeit Ammarindars vorbei war. Die fortwährenden Angriffe der Orks beanspruchten dauerhaft die Verteidigung des Reiches und mit dem Fall Nesserils war ein bedeutender Handelspartner weggebrochen. Auch der spätere Untergang Illefarns, das Ammarindar mit Ausrüstung versorgt hatte, schröpfte den Reichtum des Zwergenreiches. Zudem bleibt anzunehmen, dass sich die Minen der Zwerge langsam erschöpften. Die Migration dreier Zwergenclans aus Felbarr und Ammarindar kann entweder als Versuch der Knüpfung von Kontakten nach Cormanthor oder als Flucht verstanden werden. Von einem Zerwürfnis der Zwerge untereinander ist nicht auszugehen. Welche Motive dahinter stehen mögen, erscheint in der Nachbetrachtung dann auch zweitrangig. Ab dem dritten Jahrhundert schmälern sich die Informationen über Ammarindar maßgeblich und der Untergang des Zwergenreiches wird zur geschichtlichen Randnotiz.

7.  Untergang Ammarindars

Innerhalb kürzester Zeit wurden Earlann und Ammarindar von den Dämonen Ascalhorns überrannt und die einzige Schlacht, über welche sich Überlieferungen finden, fand bezeichnenderweise bei der Feste Yaunoroth im Süden des Reiches statt. Die Schildzwerge waren nicht gegen den schieren Ansturm durch die Tanarukk und andere Scheusale der Höllentorfeste gewappnet, was durchaus auch dem relativen Frieden geschuldet war, in dem das Reich sich über Jahrhunderte befand. Wenngleich das Reich immerwieder gegen die Orks des Nordens verteidigt werden musste, waren Dämonen eine andere Dimension der Bedrohung. Zudem war die Population der Schildzwerge war über die Jahrhunderte stetig zurückgegangen, was die zahlenmäßige Überlegenheit der Angreifer weiter begünstigte. Von den Elfen Earlanns war keine Hilfe zu erwarten, hatten jene doch die eigenen Fronten, an den sie kämpfen mussten.

Während ein Teil der Schildzwerge Ammarindars Zuflucht in Sundabar suchte, flohen andere in Richtung Süden, hoffend, die als uneinnehmbare geltende Festung Yaunoroth würde ihnen Schutz sein. Doch die Verteidiger unter Führung Prinzessin Olmmas (andere Quellen sprechen von ihrer Schwester, Königin Helmma, selbst) wurden - wie auch der Rest des Reiches - schlichtweg überrannt, wenngleich die Schlacht lang genug tobte, um einem großen Teil der Zwerge die Flucht zu ermöglichen. Nichtsdestotrotz bildete der Fall der Zitadelle Yaunoroth im Jahre 882 Taliser Zeit das Ende der Geschichte des Zwergenreiches Ammarindar.

Spekulativ verbleibt die Antwort auf die Frage, ob die Öffnung der Magierakademie von Xothol und die Nutzung des dort befindlichen Wissens die Dämonen hätte vor der Einnahme des südlichen Teils Ammarindars abhalten hätte können. Es finden sich keine Aufzeichnungen über Versuche, die Magierfestung zu öffnen. Ob der Gedanke indes überhaupt bestand und die zeitliche Möglichkeit, diesen Gedanken zu verfolgen, gegeben war, bleibt fraglich. Entweder war das Wissen darum verloren gegangen, wie Xothol zu öffnen war oder unter den verbliebenen Zwergen waren zu wenige, die die einstmals ersonnenen arkanen Verteidigungsmittel hätten nutzen können. Von einer eventuellen Öffnung Xothols nach dem Untergang des Reiches indes ist nichts bekannt.

8.  Nachbetrachtung

Den Fall Ammarindars 5000 Jahre nach seiner Begründung als Resultat eines fortschreitenden Niedergangs zu sehen, wäre verfehlt. Wenngleich die Hochzeit des Reiches überschritten war, bleibt die schiere Macht der Horden Ascalhorns ausschlaggebend, auch wenn die langsamen Entwicklungen der vorangehenden Jahrhunderte zur Beschleunigung der Eroberung des Zwergenkönigreichs beigetragen haben mochten. Doch auch wenn der Fall der Reiches unerwartet und überraschend kam, ist die vormalige Stabilität nicht von der Hand zu weisen. Jene begründete sich auf mehrerlei Faktoren, die hier nochmal gesondert erwähnt werden sollen.

1. Rohstoffe: Es waren die natürlichen Vorkommen an Mineralien, die die Graugipfelberge überhaupt erst als größeres Siedlungsgebiete des Zwergenvolkes prädestinierten. Insbesondere der Reichtum an Admantit ermöglichte den Aufstieg Ammarindars, aber auch die Dauerhaftigkeit seines Bestehens.

2. Handwerk: Die Schmiedekunst der Schildzwerge erlaubte zweierlei: zum einen die Versorgung des eigenen Heeres mit formidabler Ausrüstung und andererseits bildete es im Zusammenhang mit dem steten Fluss an Ressourcen die Grundlage für den Handel mit den Nachbarreíchen.

3. Handel: Der Reichtum des vergleichsweise kleinen Zwergenreiches begründet sich insbesondere auf dem Aufstieg der Reiches Nesseril und der Kontinuität des Bestehens Earlanns und Illefarns. Im Tausche gegen Metalle und zwergische Handwerkserzeugnisse erhielten die Zwerge Waren von der Oberfläche, die für einen soliden Wohlstand sorgten, ohne dabei in ein Abhängigkeitsverhältnis zu geraten.

4. Politik: Die Könige Ammarindars handelten vorausschauend und umsichtig. Der vollkommene Verzicht auf Grenzziehung und Expansionsbestreben vermied Konflikte mit anderen Reichen jener Zeit und ließen Ammarindar nie als ernsthafte Bedrohung oder Feind erscheinen. Die militärische Strategie Ammarindars war auf Verteidigung ausgelegt.

Wenngleich all jene Faktoren miteinander korrelieren und es gewiss weitere gäbe, aus denen heraus sich das lange Bestehen des Reiches, aber letztlich auch dessen Untergang begründete, soll dies als Zusammenfassung genügen.

9.  Überreste

Der Frage, was vom Reiche Ammarindar geblieben ist, sind mehr als eine Abenteurergruppe nachgegangen. Bekannt ist, dass die Zwerge vom Ansturm der Dämonen der Höllentorfeste überrascht wurden und somit große Teile ihres Eigentums zurücklassen mussten. In den nachfolgenden Jahrhunderten konnte ein Teil des Goldes, der Edelsteine und Gegenstände durch die Hände der Menschen des Delimbiyr-Tales geborgen werden und fand in gewissem Umfang nach Lautwasser. Der größere Anteil der Schätze Ammarindars dürfte als Beute in den Besitz der Tanarukk gefallen sein, die die Tunnel teils bis heute besetzen. Insbesondere zwergisch gefertigte Rüstungen und Waffen aus Admantit dürften noch in der Gegenwart von den in den Gängen weilenden Kreaturen getragen werden.

Die Zitadelle Yaunoroth und deren umliegende Gänge werden von Untoten bevölkert. Der Legende nach soll es sich dabei vorwiegend um Geister der dort gefallenen Zwerge handeln, die bis heute von Prinzessin Olmma befehligt werden. Sollte dies der Wahrheit entsprechen, kann wohl davon ausgegangen werden, dass sich dort nach wie vor Reichtümer und Schätze des alten Ammarindar befinden.

Dass keine Berichte über die Öffnung der zwergischen Magierakademie Xothol existieren, muss nicht bedeuten, dass jene nicht doch schon auf anderem Wege geplündert wurde. Sollte sie Versiegelung indes nach wie vor intakt sein, so läge nahe, dass sich in ihr immense Wissensschätze befinden, die sich - wenngleich auch nicht in Umfang, so doch in qualitativer Bedeutung - mit jenen des alten Nesseril messen ließen. Nicht nur könnten sie über arkane Forschungen der Zwerge Auskunft geben, sondern auch über die arkanen Mächte, denen sich die Zwerge gegenübersahen. Ob es jedoch überhaupt möglich wäre, die Magierfeste zu öffnen, nachdem sie - wo genau auch immer - über 1600 Jahre verschlossen war, ist eine andere Frage.

Die Spuren der Zwerge Ammarindars, die vor dem heranstürmenden Heer der Höllentorfeste flohen, sind weitestgehend verwischt. Während einige Unterschlupf in Sundabar fanden, dürften jene, die nach Süden entschwanden, ihren Weg ins Zwergenkönigreich Tethyamar, westlich der Anauroch gefunden, haben. Mit dem Fall Tethyamar knapp über zweihundert Jahre später dürfte auch jene Spur verloschen sein.

10.  Schluss

Dass das Zwergenkönigreich Ammarindar ein Schattendasein in der Geschichtsschreibung fristet, wurde eingangs erwähnt. Dass jenes nicht berechtigt ist, hat sich gezeigt. Ein Reich, das 5000 Jahre bestand und dessen Ruinen heute noch sichtbar sind, kann nicht einfach so mit dem Nesseril-Besen unter den Teppich gekehrt werden. Ganz im Gegenteil: wie wollen die geschätzten Gelehrten denn Nesseril begreifen, ohne den Blick zu den Nachbarn zu wenden, die ihren Beitrag zur Größe des Nesserreiches leisteten? Gewiss: es gab auch Delzoun. Doch während die doch umfangreiche Delzoun-Forschung ein allenfalls probates Mittel der Beruhigung des geschichtswissenschaftlichen Gewissens darstellt, bleibt Ammarindar als Forschungsgegenstand und -quelle nahezu unbeachtet und wurde und wird Abenteurerbanden zur Plünderung freigegegen. Nun mag es ja seine Berechtigung haben, dass jene Abenteurer belächelt werden. "Alles Mythen", mag da der Gelehrte sagen. Aber Ammarindar ist doch mehr - in der Gegenwart gleichsam wie in der Geschichte.

Und während die Nesserilforscher im Delimbiyr-Tal die Zeit damit zubringen, darauf zu warten, dass eine Nesserrolle vom Himmel fällt und Earlann-Forscher mehr aus traditionellem elfisch-geprägtem Prinzip ihrer Tätigkeit nachgehen, werden die Ruinen Ammarindars von Araumycos verschlungen. Dass damit auch Quellen für die Nesseril- und Earlann-Forschung versiegen, ist dann wohl ein Umstand der in Kauf genommen werden muss. Oder?

Bestenfalls ist es die unnötige Unwissenheit über Ammarindar, die ihm seinen Platz in der Geschichtsforschung verwehrt. Schlimmstenfalls jedoch liegt es daran, dass Ammarindar ein Zwergenkönigreich war und die Nesseril-Forscher vorwiegend menschlicher und die Earlann-Forscher vorwiegend elfischer Abstammung sind. Ohne von einer solchen Oberflächlichkeit ausgehen zu wollen, bleibt die Hoffnung, dass Ammarindar doch noch Beachtung finden wird. 5000 Jahre des Bestehens sollten nicht durch 500 Jahre des Vergessens den zweiten Untergang des Reiches zur Folge haben.


Autor: dying despot