| Autoren: | Karayan, Tarik; Kathaphaia; Neran d.Ä.; Thea'yassail |
| Verfasst: | Llorkh, Mirtul 1388 TZ |
| Form: | Gebundenes Manuskript |
| Umfang: | 90 Seiten |
| Sprache: | Drakonisch |
| Anspruch: | hoch |
| Nachweis/Zugang: | Arkaner Zirkel, offen zugänglich |
Die Breviarien zum Minderen Wunsch sind eine Zusammenstellung zur umfassenden und richtungsweisenden Rekonstruktion der Thesis Begrenzter Wunsch. Sie entstanden im Zuge eines Kolloquiums des Arkanen Zirkels zu Llorkh und bildeten die Grundlage für weiterführende, arkane Umtriebe. Insgesamt ist es eine Art Geheimpapier das zur Spekulation einläd. Ohne eine Einweihung in den dahinterstehenden Forschungsbund, geben die Breviarien wenig über das Augenfällige hinaus preis und stehen relativ unvermittelt nebeneinander.
Inhaltsverzeichnis (ausblenden)
1. Geleit
Seine Arkane Maiorität und Souverän der Blüte Llorkh billigt und lobt das Bestreben des Arkanen Zirkels die Grenzen des Minderen Wunsches innerhalb der Herrschaft Llorkhs aus eigener Kraft zu überschreiten. Hierfür gilt ihm unsere Dankbarkeit und Achtung. Auf verschlungenen Pfaden geht der Verstand. Geheimnis entschleiert sich in Worten und zwischen den Worten. Denn Vernunft ist es, die alle Dinge zu einem Konzert des Wissens verbindet.
Der Arkane Zirkel zu Llorkh
1388 nach Taliser Zeit
2. Thea'yassail: Zum Gefahrenpotential der Manipulation
Essay zum Gefahrenpotenzial der Manipulation, Kräfteverschiebung und Angleichung von Schicksalsmatrizen des Multiversums im Rahmen des arkanen Hochgradszaubers 'Begrenzter Wunsch'
Alle Himmelskörper und auch der Leib Torils sind verwoben in chaotischer Dunkelheit und reinem Chaos. Ein Fluss, der von Niemandem sterblichen Geistes wahrgenommen werden kann, existiert in den Sternenbildern, die so feststehend wirken für die selig Unwissenden. Inmitten des Chaos, der Vernichtung und Schöpfung ganzer Welten, gleicht sich alles an und wieder neu an. Eines Ölfilmes über einer Wasseroberfläche oder eines Tropfens Tinte in einer Phiole gleich verschwimmen die Welten durch dieses Chaos und werden geborgen. Wo etwas geht, kommt etwas neues. Jede Schöpfung wird vernichtet, nach jeder Vernichtung folgt neue Schöpfung. Sämtliche Transmutatio des arkanen Wirkers, sämtliche Thaumathurgie fundiert darauf.
Veränderung ist unausweichlich.
Ein 'Nehmen' einer solch kolossalen Macht, basierend auf dem chaotischen Schicksal selbst, wird ein Vakuum hervorrufen. In dieser, oder einer anderen Welt. Jeder Spruch, jeder gewirkte Zauber dieser Art lässt eine, von ihrem Ausmaß den niederen Geist zerberstende, Kettenreaktion vom Zaume, welche früher oder später wieder Gleichnis auf der unseren Welt verlangen und auch erhalten wird.
Veränderung ist unausweichlich.
Das Schicksal selbst, zugehörig gar launischer Gottheiten, besitzt eine in sich brodelnde Unwucht, die an Fahrt gewinnen kann, je mehr es in exakte Bahnen gelengt werden soll, wo es an anderen Orten fehlt. So würde keine reine Kettenreaktion zustande kommen, die stets die gleiche Menge an übernatürlicher Macht mit sich trägt, denn ein unverhältnismäßiger Angleich der Umstände wäre die Antwort. Es ist zu Erwarten, dass dort, wo große Schöpfung herrschte, leviathanische Zerstörung folgt und wo Zerstörung das Ziel war, früher oder später die Schöpfung schicksalsträchtig einkehrt.
Veränderung ist unausweichlich.
Und so ist es an uns, die wir diesem Ritus des begrenzten Wunsches entgegenstreben, zu wissen, wann wir ihn und wofür wir ihn jemals einsetzen werden.
3. Karayan: Zwei Ebenen des Verstehens
Essay über die Forschung der Thesis des begrenzten Wunsches
Um eine Thesis des Arkanen zu rekonstruieren, welche nicht nur beliebige arkane Zauber niederen Grades, sondern gar divine Zauber des fünften Grades oder tiefer bewirken kann, braucht es insbesondere die Kenntnis über die Wirkungsweise, die ein Zauber auf das Gewebe hat. Es kann also nicht die Art des Zugriffes auf das Gewebe sein, die hier eine Rolle spielt, denn ansonsten wäre die Duplizierung eines divinen Zaubers für arkane Wirker nicht möglich. Das Vorkommen dieses Zaubers zeigt zudem auch, dass es keine Unmöglichkeit ist, die gegebenen Grenzen zu umgehen, wenn man dies nicht auf dem Weg des Zugriffes versucht, sondern die Wirkungsweise auf das Gewebe per se zu verstehen lernt.
Um die Thesis des begrenzten Wunsches also zusammenzusetzen, braucht es zweierlei, denn er besteht aus zwei Ebenen: zuerst das schulbuchmässige, klar strukturierte Erlernen nach vorgegebener Formel. Exakte Bewegung, fehlerfreies Sprechen, das Formen des Gewebes, um den Zauber in erster Instanz zu sprechen. Dies alles nützt jedoch nichts, wenn man sich nicht auch der zweiten Eben zuwendet: die freie Möglichkeit, aus dem Gewebe nach eigenem Willen zu formen, zu dem was man sich wünscht. Die Macht, sich nicht einschränken zu lassen, weder durch die verbotene Zauberschule noch durch Grenzen der Wirkungsart. Die chaotische Urmacht des Gewebes, nicht eingeschränkt durch Regeln und Gesetze, lässt sich hiermit steuern und dem eigenen Willen unterwerfen.
Natürlich soll dabei nicht vergessen werden, dass das Schicksal jedes einzelnen Wirkers durch die Götter bestimmt wird. So ist Mystra zwar der Neutralität verpflichtet, die Magie zur Verfügung zu stellen. Doch die Geschichte zeigte, dass die Götter auch eine Verantwortung tragen, ebenso wie die Menschen, welche die Magie anwenden. Der unbeschränkte Zugriff auf die Magie geht also einher mit dem Wissen um die Abhängigkeit von den Göttern, insbesondere jenen, welche die Domäne der Magie kontrollieren. Nicht das Gebet ist es, welches hier gebraucht oder als Mittel zum Zweck dient, sondern die Verantwortung sowie das Wissen um die Macht der Götter und die Ehrung derjenigen Götter, welche den Menschen und anderen Völkern den Zugang zur Magie gewähren. Nicht umsonst heisst die Thesis "(begrenzter) Wunsch". Es mag keine Bitte an die Götter im klassischen Sinn sein, doch ist es ein Wunsch, den die Götter der Magie gewähren.
Tote zu erwecken oder Heilung zu bewirken, ohne von einem Gott erwählt und begünstigt zu sein, bedeutet unvorstellbare Freiheiten und Macht. Jene erkauft man sich jedoch teuer, sollte man die Götter missachten, verlachen oder entehren. So sollte jeder Magiewirker, welcher diese Thesis erforscht und anwendet, sich jederzeit der göttlichen Präsenz bewusst sein, ihr Ehre darbieten, wenn auch kein Gebet oder Erwählung notwendig ist.
Um noch einmal auf die Forschung zurückzukommen, so muss also zuerst die zweite Ebene verstanden werden. Der freie Zugriff auf jegliche unbegrenzte Magie. Nur dann, wenn jene Wirkungsweise des Zaubers auf das Gewebe verstanden wurde, lässt sich die erste Ebene des Wirkens dieses Zaubers erlernen.
4. Neran: Gedanken zur reinen Magie
Aussir'arcaniss - Gedanken zur reinen Magie
Die Magie ist gespalten. Manch ein Arkanist mag sich dem Traume hingeben, dass dem nicht so ist, doch bezeichnet ist schon der Ausdruck „Arkanist“ eine Einschränkung, bildet er doch eine Abgrenzung zu den „Divinisten“. Es existieren Jene, die direkt auf das Gewebe zuzugreifen vermögen, gemeinhin Arkanisten genannt und Jene, denen die Götter einen Zugriff gewähren, gemeinhin Divinisten genannt. Die Magie ist demnach zunächst, vordergründig, in zwei Lager gespalten, die sich über ihre Zugriffsart definieren. Weitere Unterschiede gehen damit einher, sind die Divinisten mithilfe ihrer Götter in der Lage, das Gewebe in anderer Weise zu verändern als Arkanisten; als Beispiel seien hier nur Kanalisierungen positiver Energie zur Heilung von Wunden oder auch Regeneration von Gliedmaßen genannt, während Arkanisten über sehr viel umfangreichere Thesen zur Kreation und Manipulation elementarer Energien verfügen. Doch besteht diese Trennung nur augenscheinlich; beide Zugriffsarten nutzen dasselbe Gewebe; nur die Art des Zugriffs ist eine andere. Die Logik gebietet, dass, so ein Arkanist die Art seines Zugriffs hinter sich lassen kann, ein Zugriff auf das Gewebe in seiner Gesamtheit möglich sein muss.
Ausgehend von diesem Grundsatz, muss der Begriff der Thesenbildung neu gestaltet werden. Grundlage einer jeden These bildet vordergründig die Analyse der bestehenden arkanen Matrix, wie auch die Veränderung derselben im Folgenden. Darin besteht bereits die erste Einschränkung, die der Arkanist hinter sich lassen muss. Indem er von der Existenz einer Arkanen Matrix ausgeht, verwehrt er sich bereits die Möglichkeit, die divine Zugriffsart erforschen zu können.
Aktuelle Forschungen ergaben, dass, statt auf Grundlage einer Arkanen Matrix, auf Grundlage einer Mystischen Matrix, eine Formel entwickelt werden kann, welche den vordergründigen Anspruch einer Arkanen Matrix, das Gewebe auf arkane Weise zu verändern, ignoriert und stattdessen einen weiter gefächerten Zugang ermöglicht. Einher mit der, zunächst, nicht klar definierten Art des Zugangs, wird jedoch mutmaßlich die Tiefe des Gewebezugriffs gemindert.
Bei dem aktuellen Forschungsvorhaben handelt es sich um eine Thesis siebter kalkulierter Gewebetiefe, die in der Lage sein sollte, unter Verminderung der Tiefe des Gewebezugriffs, einen weiten Zugang zur Manipulation des Gewebes zu ermöglichen. Mit ihrer Hilfe sollte es möglich sein, die Zugriffsart akut und spontan zu bestimmen und zu variieren. Hernach könnte eine Webung dieser Art andere Webungen beliebiger Weise manipulieren, oder aber imitieren. Weitergehende Forschung ist an dieser Stelle absolut notwendig. Ungeklärt ist vor allem die Frage eines mystische Fokus, der für die Imitation arkaner oder diviner Webungen von Nöten sein kann; divine Wirker verwenden gemeinhin einzig ein göttliches Symbol zur Fokussierung der Energien, während arkane Wirker verschiedene, anspruchsvolle und kostspielige Foki benötigen. Dieser Widerspruch muss geklärt werden.
Weiterhin denkbar, doch definitiv näher experimentell zu examieren und hernach zu veri- oder falsifizieren, ist die Möglichkeit dieser These, den umfassenden Zugriff auf divine und arkane Zugriffsart des Gewebes zu nutzen, um mithilfe des letzgenannten, die Realität selbst in begrenztem Umfang direkt zu verändern und zu beeinflussen; direkter noch als es traditionell über die Möglichkeiten eines Arkanisten ohnehin möglich ist, begrenzt nur durch sein eigenes kognitives Potential, wie auch die die Tiefe des möglichen Gewebezugriffs, welche ohnehin unabdingbar miteinander verknüpft sind. Die Veränderung geschehener oder zukünftiger Ereignisse, womöglich auch die pure Erschaffung von Materie, lebendig oder tot, mag möglich werden.
Die Nützlichkeit einer Webung dieser Art liegt auch für mindere Geister auf der Hand, davon ab, dass niemals die Nützlichkeit der begrenzende Faktor der Forschung sein darf; sie vermag, Arkanisten divinen Zugang zum mystischen Gewebe zu ermöglichen und auch arkane Magie zu imitieren; wenn auch auf Kosten der Tiefe der Manipulation.
Alles in allem lässt sich die Wirkung dieser Webung darin zusammenfassen, dass der Arkanist in die Lage versetzt wird, die, ohne bescheidenen, Grenzen der arkanen Magie hinter sich zu lassen und die Welt und Magie nach seinem Wunsche zu formen.
5. Kathaphaia: Der Wunsch als Entäußerung innerer Freiheit
Die Herleitung des Begrenzten Wunsches ist niemals eine Einzelleistung, sondern stets eine Rekonstruktion mit Anderen. Das Ergebnis ist individuelles Voranschreiten im eigenen Vermögen, aber die Genese liegt in der Konfrontation mit anderen Ansichten. Der Grund dafür ist die Natur des Begrenzten Wunsches selbst. Der individuelle Zugang zur Thesis ist nicht Dogma, sondern Wesen der Thesis. Der folgende Aufsatz wird das zu klären versuchen, warum Vormeinung und Dogma ihr nicht anstehen.
Neran der Ältere sagt, die Trennung zwischen diviner und arkaner Magie ist in einer Vormeinung begründet. Eine Vormeinung über die Regelhaftigkeit der Magie und der aus ihr abgeleiteten Spaltung in göttlich und arkan. Der Mindere Wunsch nun, sei die Aufhebung dieser Vormeinung über die Zugangsweise zum Gewebe. Wir wollen von hier aus starten und diesen Gedanken aufgreifen.
Die Aufhebung der Vormeinung ist ein reflexiver Akt. Das sich Hinwenden zur eigenen Meinung enthüllt selbige als unbegründet und es folgt eine Aufhebung dieser Vormeinung – was gleichbedeutend ist mit Selbsterkenntnis und Leuterung des eigenen Erkenntnisvermögens. Der Wert der Reflexion ist unbestritten. Ich möchte die Perspektive dennoch ein wenig verschieben. Nicht die reflexive Korrektur der Fehlmeinung ist mir wichtig, sondern das Vermeiden des Fehlurteils ante actus, also vor dem Fehlurteil. Ich nenne dies das Sich-Enthalten von einer Seinsstellungnahme bezüglich der Zugangsweise der Arkanisten auf das Gewebe. Das Sich-Enthalten von einer Vormeinung ist ein Moment der Freiheit des Geistes, weil es die Geltung der Regel (d.i. die Beschränkung des Zugriffs auf das Gewebe) ausser Kraft setzt, wenngleich hier noch nur als Gedankenspiel und Kontemplation der schieren Möglichkeit.
Durch dieses gewonnene Moment der Freiheit des Geistes – den zu gewinnen kein schwerer Akt ist, vielmehr nur eine Veränderung der Sichtweise auf die Welt – erfährt das Denken eine Erweiterung des Horizonts der Möglichkeiten. Nicht der Möglichkeiten des Handelns wohlgemerkt, was ja eine triviale Erkenntnis wäre und auf dieser Ebene der Analyse auch völlig falsch. Denn wir sprechen nicht über Erweiterungen des Handelns oder Wirkens zu diesem Punkt der Untersuchung. Vielmehr sprechen wir über die Erweiterung der Art zu denken, was eben ein Moment der Freiheit des Geistes ist. – Die Erweiterung des Horizonts der Möglichkeiten ist also eine Erweiterung der Verweisungszusammenhänge des reinen Bewusstseins. Das Freimachen des Denkens von der Regelhaftigkeit erlaubt es die Grenzen des Denkmöglichen zu entschleiern. Die Behauptung „Der Zugang meines Gewebes ist durch göttliche Grenze beschränkt“ wird ausser Kraft gesetzt. Die Seinsgeltung anulliert. Was dadurch gewonnen wird ist ein Gedankenspiel. Aber ein Gedankenspiel, das mir den Blick auf die Grenzen meines Denkens und Wirkens ehrlicher und ungetrübter aufzeigt: nicht etwa in der Obligation der sterblichen Existenz liegt die wahre Beschränkung Magie als in ihrer Zugangsweise zwiegeteilt zu denken. Nein, die sterbliche Existenz lässt ja das bloße Überwinden dieser Beschränkung im Gedankenspiel zu. Und was das Besinnen auf diesen Moment der Freiheit nun einbringt, ist die Entschleierung eines Horizonts der Möglichkeiten meines Geistes, der eben nicht durch die Idee einer Natur der Magie ausserhalb von mir bedingt ist. Sondern durch die Möglichkeit meines Denkens allein.
Ich notiere dies als Prämisse der Herleitung des Wunsches: Das Sich-Enthalten von der Vormeinung über die faktischen Grenzen der Magie und das Besinnen auf die mir je innewohnenden Grenzen des Denkens allein.
Nun ist die reelle, also allein im Bewusstsein stattfindende, Befreiung zu einer realen, also der in der tätigen Welt wirkenden, Verwirklichung zu überführen. Hier ist der erste Gedanke vielleicht, diese Befreiung als eine Konflikthaftigkeit zu begreifen: mein freier Geist widerstreitet den harten Grenzen der faktischen Welt, die sich mir nicht gefügig zeigen wollen. Doch auch hier wende ich es positiver. Die reale Verwirklichung der reellen Befreiung (also des Moments der Freiheit des Geistes), muss verstanden werden als eine Entäußerung des freien Geistes an die Welt. Nicht etwa stemmt sich die Welt gegen die Schönheit und Freiheit meines Denkens, sondern sie benötigt meiner, um selbst schöner und den vernunftbegabten Wesen angemessener zu werden. Deshalb entäußere ich, was mein Bewusstsein als Grenze des Denkens anerkennen muss. Und gleichzeitig entgrenze ich die Welt dadurch ein Stück weit mehr. Ich befreie sie.
Dieser Akt der Entäußerung der Freiheit meines Denkens in die Welt ist ein Akt der Verwirklichung meines Selbst. Ein Akt auf dem Weg der Glückseligkeit. Bevor ich hier weiter voranschreite mit dem Gedankengang, verweise ich auf die Gedanken der Arkanistin Thassail. „Veränderung ist unausweichlich [und so ist es an uns] zu wissen, wann wir ihn [den Begrenzten Wunsch] und wofür wir ihn jemals einsetzen werden.“ Der Moment der Freiheit des Geistes steht in Acht und Bann der Moral der selbstgegebenen Pflicht, die ebenso wie Kollegin Thassail auch durch Neran den Älteren als Verantwortung ausgelegt wird. Mithin ist die Entäußerung des freien Geistes kein Stoß mit der Lanze des Chaos in den Leib der Welt. Sondern eine Befreiung derselben nach Maßgabe der Vernunft derer, die befähigt und berufen sind sie zu verändern.
Doch zurück zum eigentlichen Fortgang der Rede. Es ist, sagte ich, also eine Befreiung der Welt, wenn ich meinen befreiten und von Grenzen der Vormeinung enthaltenen Geist in sie entäußere. Doch wie? Wie kann mein reines Bewusstsein sich gegen die Faktizität der alltäglichen Welt behaupten? Ich habe dazu an anderer Stelle Genaueres ausgeführt. Hier muss nun auf den Kern des Anliegens geschaut werden: die Thesis des Wunsches.
Die Verwirklichung meiner Freiheit des Geistes soll und kann durch die Thesis des Wunsches geleistet werden. Deshalb ist diese Thesis eine der Befreiung. Doch hierin findet sich ein reflexives Moment, das einer Herleitung der Thesis zuwider läuft. Der Wunsch selbst ist letztlich eine arkane Thesis und damit kanonisch Teil der arkanen Tradition der Magie. Er ist keine Freizauberei! Kein Verändern der Wirklichkeit ohne jede Grenze und Form. Die Thesis des Wunsches unterliegt den Obligationen arkaner Tradition. Und dennoch will sie über selbige hinauswachsen; dennoch trägt sie in sich die Verwirklichung des Moments des freien Geistes mit.
Aus diesem Grunde nenne ich den begrenzten und den unbegrenzten Wunsch jeweils eine graduelle Mündigung des Arkanisten. Ein Schritt zur Letztentfaltung und damit auch Anteilhabe an der Göttlichkeit des Arkanisten selbst. Der Begrenzte Wunsch baut auf dem Prinzip der Befreiung des Geistes, kann dies aber nicht gänzlich verwirklichen. Und das ist auch nur denknotwendig so. Denn es wäre ein Paradoxon, wenn eine arkane Thesis notwendig wäre um die Letztbefreiung des arkanen Geistes von eben der Vormeinung zu erreichen, welcher sie selbst angehört. Hierin liegt der Schlüssel zur Kontemplation des mystischen Fokus, wie es Neran der Ältere aufzeigt.
Ich schließe hier mit dem Stand der Ausführung: dass der Begrenzte Wunsch eine Entfaltung des reinen Bewusstseins in die tätige Welt hinein graduell ermöglicht. Primum. – Begründet durch ein Sich-Enthalten von Vormeinungen über die Seinsgeltung von Obligationen der Sterblichkeit. Secundum. – Ermöglicht durch die Erweiterung des Horizonts der Verweisungszusammenhänge in die Welt hinein. Tertium. – Und realisiert durch eine Thesis die den Nachweis liefert, dass arkanes und divines real letztlich nicht zu trennen sind.
Inwieweit man dies nun interpretiert, ist eine Frage der praktischen Vernunft und Tugendhaftigkeit. Arkanist Karayan vertritt die Ansicht der Notwendigkeit des Respekts vor den Göttern und der Anerkennung unserer Abhängigkeit von ihnen. Das ist ganz gewiss wahr in Ansehung des täglichen Lebens. Doch in Ansehung der abstrakten Möglichkeit der Entfaltung des reinen Bewusstseins und seiner Entäußerung in die Welt, schließe ich diesen Aufsatz mit den Worten Ioulaums an den jungen Aksa: „Die Götter, o Aksa, sind uns lediglich darin voraus, dass sie sich erhoben haben und nun über das Vermögen verfügen, das unsrige zu bestimmen. Noch mehr ähneln sie uns damit dadurch, dass sie verantwortlich sind, ganz wie wir Arkanisten. Nur das jene uns überweltlich erscheinen.“
6. Mandaar
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