Buch: Die Geschichte vom jüngeren Bruder des Sultan Eli yn Adnan el Beza
| Autor: | Kathaphaia |
| Verfasst: | 1387 TZ |
| Form: | kleines Heft |
| Umfang: | 40 Seiten |
| Sprache: | Alzhedo und Chondath |
| Anspruch: | scheinbar leicht |
| Zugang: | offen |
Diese kleine Schrift ist die Nacherzählung eines überlieferten Ereignisses in Calimhafen aus dem jahr 1362. Sie beschreibt ein historisches Ereignis und wirkt märchenhaft. Die angehängten, mystischen Deutungen, lassen jedoch den Gedanken aufkommen, dass vielleicht etwas im Text verborgen liegt, was man nur zwischen den Zeilen lesen kann.
Es war das Jahr 1362 Taliser Zeit als der Sultan des Distrikts der Zauberwirker zu Calimport einen schweren Schicksalsschlag erfuhr. Sultan Eli yn Adnan el Beza übersah seit 1333 die Vorgänge des Distrikts und hatte seiner Familie Ruhm und Ehre angehäuft, wo er vom Vater nur mattes Gold geerbt hatte. Seine segensreiche Herrschaft war in jeder Sekunde und mit und zwischen den Atemzügen aller Dienstbaren und Untergebenen gütig und gerecht und ehrenvoll. Im Marpenrot des fraglichen Jahres nun geschah es, dass des Sultans Bruder, Osikal yn Adnan, in den üppigen Gärten über der Stadt sich zum Spiel eingefunden hatte und den bunten, rot-gelben Laubfall und frischen Wind der See mit freudigem Lauf und Getolle feierte. Ganz so, wie es die Art der sorglosen Kinder ist, deren Eltern schützend bewahren. Doch in Osikals Fall war der Bruder frühzeitig zum Vater für ihn geworden, und auch die Mutter war ihm nicht die leibliche, allweil der Tod sie hinfortgetragen hatte als Osikal in die Welt eintrat. Osikal also, sagte ich, spielte im herbstlichen Laub des Sultanpalastes. Und von der Pechmaid geführt kam eine unglückliche Hand des Schicksals herab und packte den Knöchel des lieblichen Jungen, so dass er im Lauf ausrutschte und sich gestreckten Sprungs über die Terassenbrüstung des Gartens hob. Dort, wo sie am niedrigsten war und die Handwerker nur Holz angefügt hatten, um die Pflege der üppigen Steinmetzarbeiten voranzutreiben.
Der junge Bruder des Sultans fiehl 3 mal 4 Fuß in die Tiefe und schlug mit dem zarten Kopf hart auf den weissen Marmor der rastbietenden Bank. Und dort lag er blutend nieder und regte sich nicht, alldieweil ringsum die Füße eilten und der Tränen viele in Sorge und Unglaube über die Wangen rollten. Als der Sultan vom Unglück hörte, und wie es sich begeben hatte, da befahl er seinem Seneschall, er möge den Zorn aufbringen um das Leid des Bruders zu vergelten, denn der Sultan selbst brachte nur Sorge auf und stürzte die langen Fluchten hinab zum reglosen Bruder. Während man die Handwerker mit gerechtem Strafmaß für die Nachlässigkeit am Mauerwerken bestrafte, die so der Unglücksmaid die Hand gereicht hatten, legte man den reglosen Bruder des Sultans auf einem sanften Lager nieder und es umringten ihn die Sorgenden. Allen voran der Sultan selbst nebst seiner Frau. Die Wunde wurde von Leibärzten besehen und von Auguren beurteilt. Auch beteten die Götterdiener um des Jungen Heil und verbrannten Fleisch und Kräuter den Göttern zum Gefallen. So zeigte sich, dass der geschlagene Leib genesen würde. Doch der junge Mensch erwachte nicht. Er blieb leblos doch ohne Glanz in den Augen. Atmend, doch nicht den Duft des Herbstes gewahr.
Viermal sank der Sultan vor Erschöpfung nieder am Bett seines Bruders, und viermal verbrannte man Rabenfedern und Schwefel, goldene Ähren und Fleisch vom Opfertier. Doch auch nach 12 Tagen lag der Junge reglos nieder. Lebend, doch nicht erwachend. Da riefen die ersten leise aus: „sieh doch, er ist atmend, aber tot im Geist. Seine Seele ist gegangen und wir müssen ihm den Leib hinterhersenden in den Tod, sonst wird er uns am 30. Tag als Geist heimsuchen und das Haus strafen und alle die um ihn weinen.“
Der Sultan ließ solcherlei Rede mit harter Hand verbieten doch am 25 Tage lag ihm bereits seine eigen Frau schluchzend zu Füßen und bat um gnädige Erlösung für den verwaisten Bruder, der das ganze Haus in Gram warf und sogar den Patriarch Calimports zu Tränen gerührt haben sollte. Der Sultan befahl seiner Frau, sie möge die Hoffnung nicht fahren lassen und schickte sie als Strafe zum strengen Tempelgebet vor Selûne, in dem sie betend verharren sollte, bis die Genesung des Bruders einträfe.
Am 28. Tage kamen die Priester des Ilmater und weihten des jungen Bruders Ruhestatt, damit keine bösen Geister seinem Leib habhaft werden konnten. Am 29. Tage führte man die Diener des Ibrandul in langer Prozession aus den Katakomben herauf, auf dass sie den Lebensfunken aus dem Labyrinth ewiger Dunkelheit hinausführen und so dem Jungen Erlösung verschaffen würden. Doch nichts dergleichen geschah.
Am 30. Tag gab der Sultan die Order, man möge das Gift der Viper für den geliebten Bruder herrichten und seine Frau als Büsserin in den Hallen der Selûne eisern anschmieden. So sollte sie für die Hoffnungslosigkeit zahlen, die alle dem Sultan eingeredet hatten. Und kein Geheimnis machte er daraus, dass er die Schuld für das Nichterwachen all den Zweiflern gab. Während man den Zahn der Viper in den Goldpokal presste, erbat sich der Magus Iripaliz Zutritt zur Hauskapelle und kniehte vor dem Sultan nieder, der zuerst nichts hören wollte: „Mein Sultan, Du weisst das ich stets schweige wenn es nichts von Wert zu sagen gibt und dass ich Dir treu bin als Arkanist Deines Hofes. Erlaube mir Untertänigen Dir Gewissheit zu verschaffen, ob er beseelt ist, Dein Bruder, oder aber nurmehr lebendes Fleisch.“
Der Sultan gab dem Arkanisten statt und schöpfte neue, schüchterne Hoffnunf während die Viper wieder zornig sich schlängelte und der goldene Becher mit Wehrmut und Zucker versüßt wurde. Iripaliz wurde vorgelassen zum scheintoten Jungen und er legte selbigem die Hand auf die Stirn und sprach zu den Versammelten ringsum, die herbeigelaufen kamen um zu sehen und zu hören:
„Den Menschen macht das Denken aus, das wissen wir alle. Denn wenn wir die Augen schliessen verschwindet die Welt. Aber wir selbst sind uns weiter wahrhaftig und wissen um unsere Lebendigkeit, weil wir sie denken können. Im Traum, Freunde, erschaffen wir ganze Welten und reissen sie ein. Unmögliches geschieht und Unendlichkeit bereisen wir. Doch wer uns aber von Außen betrachtet im Schlaf, der sieht doch nichts. Nur vielleicht ein unruhiges Rollen der Augen, ein Lachen oder auch wüstes Schlagen und Treten. Doch von der Welt des Innern sehen wir nichts. Deshalb ist es notwendig, dass wir hineinsehen dürfen, in den Bruder des Sultans, dass nicht sein Leib dem Gift zum Opfer fällt, der eine Seele noch beherbergt.“
Es antwortete darauf einer der Hofdiener: „Mir dünkt, Du denkst daran dem Jungen in den Kopf hineinzusehen, mit magischem Blick, aber sage mir dies, Arkanist: woher willst Du wissen, dass das, was Du siehst nicht fremde Gedanken sind. Die Gedanken eines Toten oder eines Dämons, der sich des Jungen bemächtigt hat und nun still und heimlich wartet, dass wir uns zur Tat entscheiden und uns mit dem Giftbecher Schuld aufladen?“
„Freilich!“, antwortete der Arkanist Iripaliz, „sähe ich einfach nur hin auf die Bewegungen des Geistes und das Murmeln des Verstandes, dann wüsste ich es nicht. Doch mir ist es vergönnt die Bewegungen als Tanz und das Murmeln als Sprechen zu vernehmen, denn ich blicke durch die Augen und durch das Fleisch in die Geheimnisse, die nur die Erinnerung kennen kann.“
Ein tiefes Brummen erfüllte die Halle als der Arkanist den Zauber wob und seine Hand auf die Stirn des Jungen legte. Hellweiss loderten die Augen des Hofarkanisten auf:
„Junger Bruder! Ich sehe, Du regst Dich im stillen und ganz für Dich. Deine fliegenden Gedanken kann ich spüren wie den Tau auf der Haut, schmecken wie den Duft der Myrre auf meiner Zunge; es raschelt im Dickicht Deiner Gedanken, wie auch das gehetzte Tier sich Deckung wühlt wenn Verhängnis droht. Doch das kann uns nicht genügen! Bist Du wahr und klar zu sehen als der, den wir kannten? Den gliebten Bruder des Sultans?
„In die Tiefen Deines Bewusstseins greife ich mit beiden Armen, die Robenärmel geschäftig nach oben gerafft. Ja! So ist es recht! So muss sich alles fügen und hinöffnen. Zeige mir wie alles kam! Der Sprung im Spiel, das Ausgleiten schlanker Füße und das Stürzen auf harten Grund. Doch was kommt dann?“
Die Versammelten, allen voran der Sultan, bangten ringsum.
„Ist es schwarze Leere? Ist es gähnende Tiefe, in der sich des Lebens Ende ins Unendliche hinstreckt und Millionen Jahre das Leben braucht, um endlich loszulassen? Nein, solches sehe ich nicht. Deine Erinnerung drängt hastig weiter. Nicht zäh, sondern eilig. Nicht um zu enden, sondern um schnell zu überwinden. Träume folgen, junger Osikal. – Kann es sein? Erst gestern träumtest Du noch vom Regenbogen über der Wüste, wie er sich nur alle Segensjahre zeigt. Vom Regenbogen, den Dir Dein alter Oheim zeigte, ich sehe ihn ja, dicht neben Dir. Er hält Dir die Schulter und weist Dir wo die schillernde Brücke beginnt und wo sie endet. – Und was jetzt! Bist Du es, der sich hier erinnert, wie er den Hofstaat mit Schalk und Schabernack um den Verstand brachte, als am Hohen Feiertag die 250 Festgänse aus den Stallungen entfliehen konnten. Wer hätte es gewusst, wenn nicht Du allein, Gerissener?“
Der Arkanist hielt inne und richtete sich auf. Alle ringsum schienen unschlüssig. War dies nun alles gut. War es Täuschung, Wahrheit oder nur der Versuch Hoffnung zu erhalten bis zur letzten Sekunde? „Was ist nun, Arkanist? Warum hälst Du inne?“, fragten die Menschen. „Ist der Zauber beendet, ist er lebendig?“
„Der junge Bruder unseres geliebten Sultans hat seinen letzten Gedanken gedacht“, antwortete Iripaliz mit bedachter Stimme und sah zum Sultan, der das schlimmste aus den Worten hörte. Alle Gedanken gedacht, Erinnerungen ausgelaufen in schwarzer Leere. Stille. Tod. „Was war sein letzter Gedanke?“, befragte der Sultan den Arkanisten mit tränengerührter Stimme. „Er dachte, mein Sultan, dass es ihm nun gefallen würde aufzuwachen, wenn nur ich alter Narr nicht weiter mich erdreisten würde zu erzählen, welche heimlichen Gemeinheiten nach der Kinder Art er gegen Manchen hier im Saal ersonnen hat.“
Und es legte sich das Gesicht des Arkanisten in Falten des Schalks und der junge Bruder schlug die Augen auf um das Licht des Diesseits wieder zu erblicken. Und es stürzten ihm um den Hals sein Bruder und enge Freunde. Und auch die Frau des Sultans ließ man vom Eisen nehmen und zum Ziehsohn zurückkehren. Ganz so hatte es sich schön gefügt und so mancher sagte, der junge Bruder des Sultans hätte ganze 30 Tage nur alle zum Narren gehalten. Andere jedoch glaubten, es hätte Magus Iripaliz den Jungen aus dem Labyrinth seiner eigenen Gedanken geführt. Man weiss es nicht, denn Iripaliz schwieg sich aus. Auch der junge Bruder klärte die Wahrheit nicht auf.
Kryptische Reimung des Masharasa die selbiger als Auslegung und Erklärung des Ereignisses aufschrieb
- Der Denker folgt seinen Gedanken überall hin nach -
- und Gedanke verhält sich zu Gedanken wie ein Tropfen in schwarzes Wasser mit spiegeligem Glanz;
- Taucht er ein so taucht auf und fliegt,
- dahin wo man zielt fliegt der Gedanke und dort wo er trifft taucht er ein und springt empor zugleich.
- Von jenem der eine, von diesem der andere. Von unten besehen wie von oben gleich.
- Was gewesen ist, kennt keine Singularität! - Oh Du schöner Augenblick;
- fort fließt des Menschen Zierart, auf ewigem Fluß – eben, gleich.
- Ein Loch in der Wand ist Nichts, die Mauer ringsum ist das Loch –
- Siehst Du das Eine im Geist des Anderen, siehst Du nichts,
der Fluss der Dinge ist alles. Eingebettet – reite, Erinnerung, die Staffel von Vormals und Bald.
- Nur wer den Satz liest, kann das Wort deuten.
Autor: Letos