
| Autoren: | Sela Sabastian, Alemo, Vaska, Kathaphaia, Mg. (Beteil.) |
| Verfasst: | Llorkh, 1389 TZ |
| Form: | Gebundenes Heft |
| Umfang: | 10 Seiten |
| Sprache: | Chondath |
| Anspruch: | leicht |
| Nachweis/Zugang: | Arkaner Zirkel, offen |
Zwei Aufsätze behandeln das Thema "Heldentum" und werden von der dritten Autorin kommentiert. Ausgewiesen ist das Schriftstück als Beilage zum Band Kriegskunst und Arkangefecht IV. Scheinbar ist das ganze eher eine Art Arbeitspapier als ein eigenes Werk.
Inhaltsverzeichnis (ausblenden)
1. Sabastian: Gedanken zum Heldentum
(Saera Sela Sabastian von Samavend aus Suzail, Herbst 1389 TZ)
Höre ich das Wort „Held“ oder „Heldentum“, so kommt mir unvermittelt das Bild des strahlenden Recken aus den klassischen Märchen und Legenden der Kindheit in den Sinn. Es ist das Bild, das wohl viele aus den Liedern der Barden kennen: Der weiße Ritter, der mutige Drachentöter, der unerschrockene Seefahrer. Diese Bilder werden sich in den verschiedenen Kulturen und Ländern, gewisslich auch in den verschiedenen Völkern unterscheiden, doch will ich diesen auch noch so vagen Gedanken als den ersten Ansatz nehmen, den Helden und das Heldentum klarer zu umreißen.
Was also haben all diese Heldenbilder aus den Sagen und Märchen gemein? Die Antwort ergibt sich aus dem Mittel von Märchen, Legende oder Sage selbst: Sie sind eine Inspiration für eine Vielzahl andere. Ob die Geschichten nun wahr seien oder nicht, ob es nicht auch Schattenseiten der Tat oder dunkle Facetten an der Natur des Helden gab oder nicht, so überstrahlt die Tat doch all dies und pflanzt sich in den Gedanken und Herzen der Menschen fort. Worin aber liegt diese Inspiration? Dies zu fassen ist schwieriger. Zunächst ist da gewisslich, dass ein jeder Held dieser alten Geschichten doch Grenzen überschritt, die anderen unüberwindbar schienen. Seine Tat und sein Erfolg waren außergewöhnlich.
Hier muss ich auch den kurzen Einschnitt tun und zugeben, dass „Erfolg“ in der Tat ein Kriterium scheint. Der gefressene Drachentöter, der gebrochene Ritter, der untergegangene Seefahrer – so sehr sie auch wohl Tugenden folgten und verdient hätten, ebenso bedacht zu werden, sind sie doch in der Tat gescheitert. In späteren Überlegungen werde ich erneut auf dieses doch wenigstens strittige Kriterium des Erfolges zurückkommen. Weiter aber zunächst mit der Außergewöhnlichkeit der Heldentaten. Die Art jener Grenzen, die sie überschreiten, kann vielfältig sein. Es könnten Grenzen von Gefahr und Ungewissheit sein, auch solche des Könnens. Immer beweist sich in der Heldentat doch wenigstens eine herausragende Tugend: Tapferkeit, Stärke oder List geben leuchtende Beispiele. Aber auch solche Tugenden wie Opferbereitschaft, Treue, Pflicht, Ausdauer, Duldsamkeit oder Gelehrigkeit können die Tat formen, wenn sie doch oft stiller scheinen. Müsste eine solche Stille nicht auch bedeuten, dass sie weniger besehen sind und so auch weit weniger anderen eine Inspiration? Gewisslich ist dies in einem gewissen Grade so und hier zeichnet sich eine Abgrenzung des Heldentums ab: In der Tugend, die sich darin ausdrückt, in der Beachtung, die sie findet. Dies kann durch die Größe der Tat selbst aufgewogen werden und es mag auch sein, dass die stille Heldentat vielleicht nicht viele aber in ihrem Glanz doch einige wenige von tiefem Herzen beflügelt, als ein beispielhaftes Vorbild und kleines Wunder von Menschenhand. So jedoch sind mit der Wertigkeit von Tugend und Tat die Helden verschiedener Länder und Völker auch andere, ganz danach, welche Tugenden dem Land und Volk wert sind, behalten zu werden.
Die Überlegungen bis hierhin lassen stocken. Es will ungerecht klingen, dass ein äußerliches Urteil einer eigentlich in jedem Falle außergewöhnlichen, tugendhaften, großen Tat über Held und Heldentum entscheidet. So will ich dies einräumen, dass dies wohl tatsächlich nur eben auf jene Art von Held zutrifft, mit der ich diese Überlegung begann, jene leuchtenden Gestalten aus Sage und Legende. Ich will dafür eine Überlegung einfügen: Das äußere Kriterium von Beachtung und Wirkung auf andere könnte sich selbst aufheben. Wollte man Überlieferung und die Bewunderung und auch Inspiration anderer nicht gelten lassen, so bliebe allein der Kern. Dieser sei damit die außergewöhnliche, herausragende Tat im Sinne doch wenigstens einer großen Tugend. Dies hieße, dass auch jemand, der eine solche Tat vollbringt, jedoch darin vollständig unbemerkt bliebe, ein Held sei. Ich bin gewillt, dem entgegen meines ersten Ausgangspunktes soweit zuzustimmen als dass es auch eine solche Art der „stillen Helden“ geben mag. Und wenigstens die Idee von ihnen kann auf ihre Weise doch immer noch die Menschen umher bewegen, ihnen Vorbild und Antrieb sein.
In diesem Falle, dass man den äußerlichen Blick und die äußerliche Wertschätzung nicht als unbedingtes Kriterium nähme, spielte dann auch der tatsächliche Erfolg eine geringere Rolle, auch wenn er wohl die letztendliche Bestätigung der Tat sei. Die Wertung läge allein auf der Idee von der Größe der Tat und vor allem ihrer Tugend. Hier will ich auch unterstreichen, dass der „Erfolg“ nicht unbedingt das Überleben des Helden meint sondern tatsächlich allein die geglückte Tat, vielleicht ist sogar das Opfer des eigenen Lebens etwas, das die Größe der Tat oder doch wenigstens der Tugenden hinter der Tat unterstreicht.
Die Tugend nun kann wiederum für sich selbst ein breites Feld zur Debatte sein, die ich in dieser Schrift nicht noch dazu eröffnen will. Ich will es in der Einfachheit der oben genannten Beispiele belassen. Das Kriterium der Tugendhaftigkeit der herausragenden Tat ist vor allen Dingen eine Abgrenzung gegen die herausragenden, dunklen Taten die uns ebenso berühmt sein können, doch wohl nicht als heldenhaft benannt werden: ein Königsmord, ein tiefer Verrat, das Massaker an ganzen Völkern und andere Dinge, die einem gewöhnlichen Menschen doch ebenso unmöglich scheinen wie die Taten großer Helden und doch gleichzeitig verachtenswert, angsteinflößend und verabscheuungswürdig scheinen. Diesen Taten fehlt die Tugend und sofern nicht Ruchlosigkeit, Gier, unbedingte Herzenskälte, Raserei und andere als tugendhaft gewertet werden, leiten sie auch nicht zur Helden- sondern zur Missetat. Hierin läge dann also die Unterscheidung zwischen Held und Schurke, zu der dann auch eingeräumt werden muss, dass sich die Unterscheidung tatsächlich mit den Werten, eben den Tugenden, von Kultur und Volk wandelt.
Ein vorwitziger Geist könnte nun zu dem Gedanken führen, dass also der Unterschied zwischen Held und Schurke, Heldentat und Missetat nur einer der sich verschiebenden, eher vage gefassten Tugenden sei, eine Frage von Blickwinkel, Wertung und Achtung der jeweiligen Tat oder Tugend. Mich ließ dieser Gedanke stocken, jedoch muss ich ihm eine gewisse Richtigkeit eingestehen. Ist ein Held nicht immer auch der Vorstreiter in einer Tat? Er tut etwas bislang als unüberwindbar Gedachtes und dies nicht aus kluger Überlegung, blankem Kalkül oder weiser Voraussicht. Wie könnte in sich überschlagenden Ereignissen, Gefahr für Leib und Leben, vielleicht in tiefer Bewegtheit aus Liebe oder Furcht, Zorn oder Verzweiflung jemand sich tatsächlich klar entschieden haben? Ich will sogar so weit gehen, dass es in der Natur der Heldentat liegt, dass sie wahrscheinlich unüberlegt, unbedingt, achtlos für Gefahr und weitere Folgen ist. Der Held plant nicht, ein solcher zu sein. Es ist die Tat, die ihn zeichnet und erst im Nachhinein kann wohl tatsächlich erkannt und bewertet werden, was er vollbracht hat und in welchem Lichte dies besehen werden kann.
Nun will ich diese Überlegungen zur Erprobung an Beispielen übergeben und nur knapp zusammenfassen:
Die Heldentat und der Held, der sie tut, bestimmt sich durch die Außergewöhnlichkeit der Tat, durch die Tugend der Tat und, in geringerem und wohl strittigen Maße, durch ihren Erfolg und durch ihre Bekanntheit und Wirkung auf andere.
ein angehängtes Beispiel, dem Aufruf folgend zum „Soldatischen Heldentum“: Aufbauend auf den vorangegangenen Überlegungen wäre also die soldatische Heldentat eine solche, die vor allen Dingen soldatischen Tugenden folgt. Diese sind klassisch die Treue, Tapferkeit, Kameradschaft und Opferbereitschaft. Die Brillianz des Einzelgängers steht hier ausnahmsweise zurück und Disziplin bekommt eine höhere Wertigkeit als man sonst bei einer allgemeineren Definition des Helden gelten lassen würde. Soldatisches Heldentum folgt diesen vorig genannten Tugenden. In ihrem Sinne wird eine außergewöhnliche Tat vollbracht, der Aufgabe von Soldaten folgend wohl am ehesten im Kampfe oder bei Schutz und Wacht.
So könnten in der Tat die Soldaten Llorkhs, welche bei jenem jüngsten Kampf im Krater von Orlbar stritten, als Helden bezeichnet werden, sofern man diese Bezeichnung dann auch allen anderen Streitern dort gelten lassen wollte. Treue zur Stadt, Tapferkeit angesichts unwägbarer Gefahr und die Bereitschaft, im Kampf nötigenfalls das eigene Leben zu lassen scheinen als Tugenden doch offenkundig. Ob nun jeder einzelne Streiter der verschiedenen Fraktionen, ob Soldat oder nicht, dort gleichermaßen Held genannt werden sollte, müsste im Licht der Ereignisse für jeden auch einzeln besehen werden. Doch nach den Überlegungen zum soldatischen Heldentum tritt doch für die Soldaten und ihren Verband die Einzeltat zurück und gemeinsam geben sie den Menschen das leuchtende Beispiel ihrer Tapferkeit und Opferbereitschaft, ihrer Kameradschaft und Waffenbrüderschaft und auch ihrer Stärke, gegen große Schrecken bestanden zu haben.
2. Alemo: Helden
(Alemo, 1389 TZ)
Die meisten bekannten Helden zeichnen sich vor allem dadurch aus, dass sie tot sind. Insofern ist Heldentum zwar eine schöne Sache, aber bringt einem in den wenigsten Fällen was ein. Nachruhm ist freilich schön für die Nachkommenschaft, wenn es der Held zu Lebzeiten zeitlich geschafft hat, Kinder in die Welt zu setzen. Vielleicht "sogar" eheliche. Aber der Held selbst wird fünfzig Jahre nach seinem Abtritt halt nicht daherkommen und sagen, dass ihm sein Status was bringt.
Insofern ist Heldentum - jetzt egal welcher Art - nur irgendeine schnöde Stilisierung von Personen, die irgendwann mal aus den und den Gründen (und vielleicht auch mit Glück) in eine Situation gerieten, in die sie vielleicht gar nicht geraten wollten und als Gewinner daraus hervorgingen. Nebenbei haben sie möglicherweise einer Jungfrau das Leben gerettet. Wenn sie hübsch war, muss man es ihnen auch danken. In den Geschichten jedenfalls ist die Jungfrau immer hübsch. Und da sind wir auch schon beim springenden Punkt, wo das, was die Nachwelt als "Heldentat" bezeichnet, am Ende mehr Schein als Sein ist. Aber warum?
Ganz einfach: mit Heldenmythen will die herrschende Schicht einer Gesellschaft die Jugend gefügig machen und zu Prinzipien wie Selbstlosigkeit und -aufopferung nötigen. Helden sind niemals egoistisch, weil Egoismus halt kein gewünschter Charakterzug bei Untertanen ist. Gerade auch bei den Untertanen, die noch in vollem Saft stehen und Waffen halten könnten. Das ganze verstärkt sich nochmal, wenn sich die bestehende Ordnung auf einer Heldentat begründet, weil dann mit dem Zaunpfosten der Tradition gewunken wird. Natürlich immer in Richtung Schlacht und damit Tod, der als höchste Form der Selbstaufopferung auch als heldenhafteste aller Taten gilt.
Es ist heldenhaft, für eine höhere Sache zu sterben, wobei diese "höhere Sache" Definitionssache der Anstifter ist. Und da das Multiversum groß ist, gibt es auch viele Anstifter und damit viele Ansichten zu dem, was eine "höhere Sache" ist. Klar ist man sich in den meisten Fällen einig, dass es heldenhaft ist, die schöne Jungfrau vor dem Drachen zu retten. Es sind selten Leute zu Helden geworden, weil sie einem Drachen eine schöne Jungfrau geopfert haben. Mal ganz abgesehen davon, dass schöne Jungfrauen ab einem gewissen Alter so schön nicht sein können. Aber das nur am Rande. Wichtig daran ist: solche Taten sind halt selten, weil die Gelegenheiten zur Rettung so einer Jungfrau eben auch beschränkt sind. Sonst wäre es eben auch nicht heldenhaft so eine Jungfrau zu retten.
Wenn also einem jungen Mann der Weg zum Heldentum gewiesen werden soll, geht es halt einfach nicht zu sagen: wenn du eine Jungfrau siehst, die gleich von einem Drachen verspeist werden soll, dann rette sie. Deswegen wird ein anderes Sprungbrett hergenommen, das wirksam für eine ganze Masse junger Männer ist: Krieg und mit der Aussicht, dabei vielleicht den Heldentod zu sterben, wird die Motivation noch angestachelt. Aber die Wahrheit ist natürlich, dass Krieg vor allem erstmal Leichen macht und das Sterben an sich in allerseltensten Fällen heldenhaft ist. Es sieht halt auch nicht so heldenhaft aus, wenn einem die Eingeweide rausquillen oder einem diverse Gleidmaßen fehlen und der Weg dahin ist auch nicht so heldenhaft, weil dann scheinbar wer anders gewonnen hat. Vielleicht hat man durch seinen Tod ja das Sterben wichtiger Personen verhindert. Das Problem dabei ist: das haben all die anderen Leichen neben einem auch. In dem Fall ist man in der Nachbetrachtung - so noch wer lebt, der positiv urteilend nachbetrachten kann - ein Held von vielen. Und das ist eben auch nicht sehr individuell und liest sich nicht schön. Das sind dann eben unbekannte Helden, für die sich persönlich kein Depp interessiert. Da geht's dann eher darum, die Wichtigkeit der Geretteten rauszustellen: "Sehet, für diesen tollen Fürsten haben sie sich geopfert. Unsere Helden." Da ist eben der Fürst als Garant der bestehenden Ordnung die höhere Sache. Das ist dann schon alltäglicheres Heldentum.
Im Grunde gibt es also irgendwo zwei Heldentümer: das geschichtliche Heldentum der großen Krieger, die durch ihre Taten meist etwas - in der Wahrnehmung der Nachwelt - zum Besseren verändert haben und namentlich bekannt sind. Und es gibt das bestehende Heldentum, das tagtäglich unbekannte, tote Helden hervorbringt, wobei die alten Heldengeschichten genutzt werden, um Leute in den Tod in der Schlacht und damit ins Heldentum des Alltags zu treiben. Warum lassen das die Leute aber mit sich machen? Ganz einfach: sie sind Niemande, unwichtige Garnichtse, die sich für ihre armseligen Existenzen Bedeutung versprechen, indem sie auf Heldentum sinnen, dabei die Hoffnung bewahrend, dass ihre größte Heldentat nicht gleichbedeutend mit ihrem letzten Atemzug ist. Meistens stellt sich diese Hoffnung als verfehlt raus, aber dann kann's ihnen auch egal sein. Interessant wäre freilich die letzten Gedanken eines so sterbenden Unhelden zu kennen. Ob er sich dann wirklich denkt: "Wenigstens als Held gestorben."? Das wäre auf jeden Fall besser als: "Mistdreck, das fühlt sich gar nicht heldenhaft an und es war auch irgendwie sinnlos." Aber in den meisten Fällen dürften sie sich wohl denken: "Endlich." Zumindest gemessen an der Bedeutungslosigkeit ihres Seins, dass ihnen spätestens dann schlagartig bewusst werden dürfte.
Das Problem des soldatischen Heldentums ist in erster Linie der Glaube, dass es soldatisches Heldentum gibt. Zwar mag es einzelne Fälle geben, wo ein kleiner Niemand von Soldat an der "richtigen" Stelle das "Richtige" getan hat, aber ehrlich gesagt: da ist es wahrscheinlicher, eine Jungfrau zu finden, die man vor einem Drachen retten kann. Warum es eine Belohnung sein soll, die Jungfrau nach der Rettung ehelichen zu dürfen, wie es in solchen Heldenmythen meist der Fall ist, ist ein ganz eigenes Rätsel, zeigt aber eine der wenigen Gemeinsamkeiten des Heldentums (Mythen) und Heldentums (Alltag): beide haben eine Art des Lebensendes mit drei Buchstaben.
Wo im Palaver um das mythische Heldentum eben die Tat den größten Raum einnimmt, weil genug Tat da ist, muss sich das alltägliche Heldentum aufgrund der eher bescheidenen Ruhmestat (Tod) mehr auf die Belohnung konzentrieren, die im klassischen Heldentum eher Nebensache ist und auch sein muss, weil Helden ja nicht egoistisch sind, selbstlos und bescheiden. Mit der Belohnung für Heldentaten zu winken, appelliert dann freilich an Egoismus und Selbstsucht des in die Schlacht ziehenden Jünglings, der freilich nicht auf sich selbst bedacht sein darf als dummer Untertan, aber eben dennoch in gewissem Rahmen gierig ist. Deswegen wird dann einmal mehr auf die Symbolhaftigkeit des klassischen Heldenmythos zurückgegriffen, der vor Augen führt: kühne Recken bekommen die Jungfrau. Für das soldatische Heldentum bedeutet das: kämpfe, sei ein Mann und die Frauen liegen dir zu Füßen. Doch da ist wieder das altbekannte Problem: sie dürften dazu eigentlich keine Gelegenheit haben, wenn du wirklich ein Held bist, weil du - richtig! - tot bist.
Wie kommt es also, dass es lebende Personen gibt, die als "Helden" bezeichnet werden? Die Antwort liegt bereits in der Frage. "Held" ist eine Bezeichnung. Nichts weiter. Du kannst sonstwelchen Mist machen, solange wer dabei ist, der diesen Mist vergoldet und dich zum Helden stilisiert. Du kannst sieben unschuldige Fliegen, die sich an einem Pflaumenmusbrot gütlich tun, mit einem Schlag erledigen oder irgend so eine Idiotie - solange wer da ist, der sowas noch nie gesehen hat und daran glaubt, dass sowas zu tun, eigentlich unmöglich war, bist du dem Heldentum schon ein Stück näher. Das kommt dem klassischen Heldentum recht nah.
Doch beim soldatischen Heldentum? Wie schaut es da aus mit den lebenden Helden? Eine Begründung kann sein: es macht sich halt nicht gut, wenn aus einer Schlacht ausschließlich tote Helden zurückkehren. Für den Soldaten ist es immer besser, sich auf dem Weg in den Tod an den Lebenden zu orientieren. Und so sind "lebende Helden" am Ende nur die, wo sich die Heldentitel-vergebende Gewalt gesagt hat: es wird mal wieder Zeit, eine positive Orientierung zu schaffen. Wodurch zeichnen sich "lebende Helden" aus? Ihr Heldentum wird bei öffentlichen Anlässen in abstrakten Ausmaßen betont und die Glücklichen dürfen sich etwas auf sich einbilden. Dass sie im Grunde aber eben nur Glück hatten, zum Helden auserkoren worden zu sein, weil es mal wieder Zeit war, würden sie wohl gar nicht wahrhaben wollen. Das größte Problem der lebenden Helden ist allerdings, dass sie ihre Heldenhaftigkeit im Umfeld, in dem sie jene errangen, zumeist unter Beweis stellen müssen, wenn sich eine Gelegenheit ergibt. Und dann gibt es vier mögliche Ausgänge: Tod und Versagen, Tod und Bestätigung der Heldenhaftigkeit, Leben und Versagen oder Leben und Bestätigung der Heldenhaftigkeit. Letzteres gelingt freilich nur durch "wirkliche" Heldentaten und ist damit außerordentlich unwahrscheinlich. Zu den Siegern einer Schlacht zu gehören, genügt da einfach nicht. In der Wirkung käme dies eher einem Versagen gleich.
Wäre es deswegen klug, lebenden Helden zu empfehlen, abzuhauen? Das Weite zu suchen, solange sie noch können? In den meisten Fällen - ja. Doch damit einher geht zumeist das Ersetzen der Bezeichnung als Held durch die Bezeichnung "Deserteur" und es ist schier unvorstellbar wie sang- und klanglos die vormalige Hedenhaftigkeit aus den Annalen der Geschichte und freilich auch den Gedanken des ehemaligen Umfeldes entschwindet. Tröstend bleibt da allein die Tatsache, dass sich nach fünfzig Jahren eh niemand mehr an die Heldenhaftigkeit erinnert, die der als Held bezeichnete mal innehatte.
Was bleibt also schlussendlich zu sagen? Die Mär vom soldatischen Heldentum existiert allein dafür, jungen, unschuldigen Menschen den Tod schmackhaft zu machen. Es mag soldatische Helden geben, aber es sind zu wenige, um sie unter dem Obergriff "soldatisches Heldentum" zu einer Art Kategorie zu erheben. Heldenmythen - wobei die Betonung auf "Mythen" liegt - dienen in ihrer romantischen Verklärtheit nur dazu, die Naivität junger Leute anzustacheln, um ihnen zu zeigen, dass man wirklich was errreichen kann, verfügt man über die richtigen Eigenschaften (Selbstlosigkeit, Aufopferungsbereitschaft, Muskeln usw.). Heldenmythen dienen also auch dazu, die Leute gleich zu machen. "Heldenhaftigkeit" wird zum anzustrebenden Attribut, das sich durch immer dieselben Archetypen definiert.
Am Ende bleibt nur die Einsicht, dass man sich den Hintern aufreißen kann, wie man lustig ist: niemand macht sich zum Helden durch sein Tun, sondern man wird zum Helden gemacht. Und das zumeist von Leuten, die sich selbst etwas davon versprechen oder strohdoof sind. Du kannst fünfzehn fette Jungfrauen vor fünfzehn altersschwachen Goblins retten. Die Jungfrauen sind Jungfrauen und leben, die Goblins, die Bestien, sind tot und du lebst auch noch, aber wer will soetwas zu einer Heldentat stilisieren? Eine schöne Jungfrau vor einem Drachen zu retten, ist im unmittelbaren Ergebnis fünfzehnmal weniger ergiebig (reduziert man das Ergebnis auf "Leben oder Tod"), aber es war eben ein Drache und die Jungfrau war schön. Der Stoff aus dem Legenden sind.
Wirklich, wirklich wahre Helden haben also nur einen von zwei grundlegenden Wesenszügen: nie existent gewesen oder tot zu sein. Was ist eine Heldentat? Alles kann eine Heldentat sein, wenn wer da ist, der fest genug an die Heldenhaftigkeit einer Tat glaubt oder irgendwie eine für seine Zwecke benötigt. Was ist gut und was ist schlecht am Heldentum? Gut ist, dass sich selbst der hinverbrannteste Trottel, größte Versager, dämlichste Taugenichts einbilden kann, einmal ein Held zu werden, was seinem obsoleten Daseins durch den Funken des Scheins der Hoffnung eine Spur einer Nuance eines Quäntchens von Sinn gibt, bevor er den unbedeutenden Heldentod stirbt. Schlecht ist an Heldentum eigentlich nichts.
3. Kathaphaia: Einordnung
3.1 Gedanken zu Sabastian
Sabastian eröffnet ein klassisches Bild des Heldentums. Heldentum und Held als Teil von Überlieferung, Sage, Märchen. In dem Sinne: fortdauernd in der Zeit, tradiert. Sie sollen derart Inspiration liefern und gleichzeitig ein Sinnbild des als Bewahrenswert erachteten Handelns darstellen. Aus dieser Perspektive muss Sabastian natürlich der Frage nach dem Herausragenden nachgehen. Dabei geht sie nicht den tückischen Weg über Beispiele sondern verbleibt in der theoretischen Verallgemeinerung. Und hier findet sie die Tugend als materielle Bestimmung des Heldentums vor. Genauer: die im außergewöhnlichen Maße ausgeprägte Tugendhaftigkeit im Held, begründe nach Sabastian die Stiftung des Heldentums für eine fortgesetzte Tradierung.
Konsequenterweise muss Sabastian nun an die Kluft zwischen materieller Bestimmung der heldenhaften Tugend einerseits und der als Zuschreibung in der Zeit wahrgenommenen Setzung des Heldentums geraten. Also die Differenz zwischen Wesen und historischem Sein des Begriffes vom Heldentum. Sabastian spricht hier vom "stillen Helden", was ich eine sehr treffliche Bezeichnung finde.
Eher unscharf wird es nun bei der näheren Bestimmung der heldenhaften Tugenden und deren Ausprägungen. Dass es die "gute Tugend" sein soll, die den Helden kührt, wird ohne nähere Klärung angenommen, aber als Problem aufgewiesen. Missetaten im Sinne eines "Gegenhelden" werden ausgeschlossen vom Heldentum. Das Gute und Schöne ist das dem Heldentum gerechte. Hier stößt Sabastian an ein Hindernis der Denknotwendigkeit: ob denn die Tugend relativ oder absolut sei. Ob also das Heldentum universell immer und überall durch Tugend gleich zu bestimmen sei, oder doch nach Volk und Zeit verschieden ist.
Hier stimme ich ganz und gar zu, wenn Sabastian sich dafür entscheidet dass ein Begriff des Heldentums nur ein Begriff für die Zeit und die Völker sein kann, nicht für die rationale Bestimmung aus einer bloßen Begrifflichkeit. Weiter führt sie sehr richtig aus, dass die Heldentat also eine Grenzüberschreitung sei und oftmals das Heldentum erst in der Rückschau zu selbigem wird. Eine ganz und gar der Philosophie des Bewusstseins gefällige Art zu denken. Dass der Held aber nicht plant ein selbiger zu werden, das ist durchaus etwas zu eng begriffen wie ich finde. Spornt Heldentum nicht an, dass man auch ein held sein will? Der Alemo wird hier differenzierter diskutieren.
Ich fasse zusammen, dass Sabastian das Heldentum erwartungsgemäß aus der Perspektive der Literatur und der Sagenkunde auslegt. Heldentum als Artefakt der Überlieferung und Geschichte. Sie versäumt es, Heldentum als Prinzip des geordneten Miteinanders auszulegen. Heldentum in dem Sinne ist ordnende Kraft im Staat und auch im Heer. Beachtenswert ist jedoch, dass Sabastian am Schluß ihrer Abhandlung zur Erkenntnis kommt, dass eine auf materielle Tat begründete Bestimmung des Heldentums in der Armee bedeuten müsse, dass die hervorragende Einzeltat hinter der Leistung des Soldatenverbands zurücktritt. Und das ist eine ganz besondere und kluge Bemerkung. Dass die Soldaten soldatische Tugenden verfolgen und darin brillieren wollen ist banal. Dass jedoch eine dieser soldatischen Tugenden das Zurücktreten vom Verfolgen einer egoistischen Einzeltat zum Heldentum bedeutet, ist ein Denkweg der mir sehr entgegen kommt und fruchtbar sein kann.
3.2 Gedanken zu Alemo
Nüchtern und pessimistisch hebt der Alemo an und geht, ganz anders wie Sabastian, auf das Thema mit einem schrägen Blick zu. Rasch nimmt er auch die Überlieferung, Sage und die Mythe als Ausgangspunkt und legt Heldentum wenig deutlich reflektiert im Lichte einer Geschichtlichkeit aus. Das dient ihm aber hinreichend, da er gar nicht zum Wesensbegriff vorstoßen will, sondern den banalen Wortgebrauch des "Heldentums" einer kritischen Würdigung unterzieht. Wo Sabastian die Tugend hernimmt zur schönen Bestimmung des Heldentums als rosiges Gesteck, bindet Alemo einen dornigen Strauß aus Fragen an die Obrigkeit.
Sehr gut ist es, wie Alemo die Erziehung gleich herausdeutet und das Heldentum zum Vorbild wird. Zum Vorbild für die Jugend und zum Ansporn zur Größe. Und eben diese Größe sei also die gewollte Größe der Herren, die aus den jungen Bürgern ebenfalls Herren oder Knechte in ihrem Sinne machen wollen. Wie auch Sabastian muss ihm das Heldentum natürlich zwangsläufig ein relatives sein. Jede Stadt, jedes Volk und jede Tradition kennt ein eigen Heldentum, ihrer Ordnung und ihrem Selbstbilde zugemessen. Das halten wir fest und notieren es.
Neu zum Thema kommt der Tod hinzu. Ob das Heldentum denn nicht auf den Tod aus ist und demnach die Obrigkeiten nicht durch die Heldensagen den Bürger im Wehrstand zur Selbstaufgabe anregen will. Eine interessante Überlegung, die man ebenfalls notieren muss. Der Altruismus schlägt hier an. Aber auch der Geltungsdrang. Ich werde das verfolgen müssen.
Nun unterscheidet Alemo zwei Heldentümer, den geschichtlichen und den alltäglichen. Das eine ist das sagenhaft verklärte, das andere das eher mickrige Ergebnis der Nacheiferer, die in der Wirklichkeit nur ein ernüchterndes Heldentum vorfinden können. Hier zeigt sich die Polemik deutlich, und der Wille des Alemo aus der Richtung des einfachen Mannes auf die Sache zu blicken. Deshalb kommt er zum pointierten Schluß: für Mythenhelden wie für den Soldaten heute ist nur der Tod gemeinsam und gewiss.
Die Gedanken zum soldatischen Heldentum geben leider wenig Neues und man kann wenig darauf bauen. Das bereits angeführte Thema und Argument wird in verschiedenen Variationen knapp wiederholt. Aber es bleibt doch scharf und klug herausgestellt: das soldatische Heldentum verpflichtet die jungen Menschen auf den Tod im Feld. So lernt die Jugend daran Selbstaufopferung für den Staat zu leben. Diese Verbindung zwischen soldatischem Heldentum, Tugend und Erziehung ist sowohl bei Sabastian als auch Alemo eine gute Einsicht die mir weiterhelfen wird.
Worin der Alemo jedoch völlig fehlt ist anzunehmen, das Heldentum beabsichtige die Bürger gleich zu machen, weil jeder der Heldenhaftigkeit zustreben soll. Hier fehlt es dem Alemo wie auch Sabastian, an der Idee des Heldentums als Ordnungsprinzip des Wehrstandes. Oder besser gesagt: Unordnungsprinzip. Denn das Heldentum macht beileibe nicht gleich, es "besondert". Und das ist durchaus das "Schlechte" an ihm. Ich werde an anderer Stelle das Problem des Heldentums für den Wehrstand hieraus entwickeln können.
Das Fazit des Alemo kommt knapp und präzise: die alten Heldenmythen sind eine Lüge, das Heldentum im Alltag ist eine pessimistische Falle. Beide haben den Ursprung im herrschenden Stand und dienen der Erziehung zur Folgsamkeit.
3.3 Zusammenschau
Ich notiere: Die Tugendhaftigkeit dient zur materiellen Beschreibung des Heldentums bis zu einem gewissen Grad, bleibt jedoch sehr dem Literarischen verpflichtet. Dabei ist das Heldentum nicht ewig, sondern zeitgemäß und insbesondere auch zweckgerichtet. Ob der Zweck bewusst gesetzt wird oder unbewusst, das bleibt offen. Doch es hat das Heldentum das Potential erzieherisch zu wirken im Staat - als soldatisches Heldentum im Wehrstand. Sabastian nimmt eine gute Idee vorweg, wenn auch implizit, indem sie zudem ein Paradoxon aufweist: ob es nicht eine Tugend des Soldaten sein müsste, das Heldenhafte selbst zu vermeiden im Sinne des gemeinschaftlichen Soldatenverbands? Wird hier der Held zum Held der sich nicht als Held gebiert? Dies wird zu klären sein. - Beide Autoren versäumen insgesamt eine Behandlung des ordnenden Prinzips des Heldentums für den Staat und dessen Konsequenz für den Wehrstand. Ich werde hier weiter arbeiten müssen.
Nachgereicht wurde, als schöne Verdichtung vieler der genannten Grundgedanken, nachstehendes Gedicht einer Frau namens Vaska. Es soll den Überlegungen zum Heldenmut einen ernsten aber auch sinnlichen Abschluss geben.
4. Vaska: Der Held
(Vaska, Pjotrs Tochter, Bardin Eisenspors, Damara, 1389)
~ kurzweilige, schwermütige Gedanken seiner Tochter.
Ein Held, ein Held, der nichts verspricht,
Schau' ihm in die Augen, und du siehst ihn nicht.
Er wurde nicht geboren, sondern gemacht,
Er hat's nicht gelernt, er wurd's über Nacht.
Weil man ihn brauchte, legte er den Mantel an,
Weil man nach ihm rief, preschte er vorran,
Und nicht, weil er es sein wollte.
Und nicht, weil er es sollte.
Er wurde gekürt, durch sein Opfer und seinen Mut,
Die Weihe geschah mit Geschrei und Blut,
Die Stätte war das Feld der Schlacht,
Und die Urkunde war Todesnachricht, überbracht.
Der Mutter hat's das Herz zerbrochen,
Der Sohn ist ihm nachgekrochen,
Die Tochter weinte bitterlich,
Aber den Helden interessiert das nicht.
Helden vergessen ihre Liebsten und streben nach mehr,
Doch erst wenn Leute sterben, erkennt man, wer
zum Heldenmut gegriffen hat,
Und beflügelt die schweren Schritte tat.
Held wird man nur, denn Feuer die Taufe ist,
Wenn es Säure, Blut und Asche giesst,
Wenn die Not am größten ist,
Wenn man seine Freunde vergisst.
Zum Helden wird man nicht ohne Tod,
Wann immer sich die Möglichkeit bot,
Ergriff jemand den Mantel des Mutes,
Und tränkte ihn Kraft seines oder fremden Blutes.
Zurück bleiben die, die nicht mit ihm gingen,
Die jetzt über seine Taten Lieder singen,
Und trotz aller Achtung um ihn weinen,
Weil sich Tod und Not sich zu gut reimen.
Erst, wenn der Feind unter Opfern besiegt,
Wenn der böse General am Boden liegt,
Wenn das Banner auf der Burg weht,
Erkennt man: Es ist zu spät.
Der Held ist erwacht und stürmte vorne weg,
Es zählte nur noch Sieg, Blut geleckt,
Beschwingt von der Macht der Unvernunft,
Forsch wie ein Keiler in voller Brunft.
Der Held findet seine Ende meist kurz nach der Geburt,
Sei es Stahl im Herz oder Schnur um den Hals gezurrt,
Denn wer seinen Platz in dieser Welt vergisst,
Alsbald auch Atem, Heil und Sicht vermisst.
Es gibt Hunderte Lieder über tote Helden, ewig lang,
Aber es gibt nur wenige, die man über jene sang,
Die einst Wahnwitziges in der Not taten,
Und dann zurück zu ihrer Familie traten.
Helden werden nicht alt.
Sie werden kalt.
Autoren: Rabe, Dying Despot, Ced23ric, Letos