Die Morgendämmerung nesischer Hochmagie
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Autor:Kathaphaia
Verfasst:14. Mirtul 1383 TZ
  
Form:Vorlesungsmanuskript
Umfang:10 Seiten
Sprache:Aus dem Alzhedo ins Chondath
Anspruch:leicht
Nachweis/Zugang:Arkaner Zirkel, offen



Die Morgendämmerung nesischer Hochmagie

Über die erste Begegnungszeit des frühen Netheril mit dem Elfenvolk der Earlann

Die geneigte und gebildete Hörerschaft wird es wissen, dass der Ursprung dessen, was wir heute Arkane Hochmagie nennen, einst eine ganz wesentliche Wurzel im Hochkönigreich Netheril geschlagen hat. Jenes Königreich, welches vor 5242 Jahren in einer blühenden Hochebene, umfasst von leichten Hügeln und dominiert von dem „Engen See“, gegründet wurde. – Heute verbindet sich im Geiste gemeinhin vor allem Dreierlei mit dieser wunderbaren Magokratie: erstlich: eine gigantische Wüste, die den Namen der gestürtzten Enklave Anauria erhielt; zweitens: ein unerhörter Frevel, der alle Magie vernichtete und von Grund auf neu sich fügen liess; drittens: das beklemmende Gefühl, dass wir heutigen Arkanisten nur noch mit Bescheidenheit und Scham in die Vergangenheit blicken können. „Bescheidenheit“, weil wir nur Schatten und Nachhall dessen unser Vermögen nennen, was einst „Magie“ genannt wurde. „Scham“, weil uns die Geschichte dieses Hochkönigsreichs das unendliche Vermögen gezeigt hat zu welchem sich die denkenden Völker entfalten können und sogleich auch den Begriff der „Verantwortung“ auf ewig an unser arkanes Vermögen kettete.

Ich möchte heute eine Rede über eine häufig verkannte Wurzel dieses Arkanreiches halten. Eine Wurzel, die bis heute in eben diesen Grund und Boden hineinreicht, auf den ich in diesem Moment stehe. Der alte Graugipfelpass und das Delymbir-Tal sind in ihrer historischen Bedeutung nicht ohne einen klaren und wahrhaftigen Blick in die Geschichte Netherils zu verstehen. In zwei Schritten gehe ich voran. Ich werde eine prosaische Darstellung der frühen Gründerzeit Netherils geben, wie sie zwar häufig verklärt wird, aber durchaus sich aus verlässlichen Quellen als glaubwürdig rekonstruieren lässt. Zweitens sei eine kritische Würdigung der Rolle des Elfenvolks der Earlanni gegeben und eine Ermahnung an das historische Erbe, welches eine Arkanwissenschaft, die sich am Delymbir oder den Graugipfeln beheimatet fühlt, aufbürdet.

Netheril entstand als Städtebund in der heute nördlichen Anauroch. Die kleinen Dörfer Fenwick, Gers, Gilan, Gustaf, Moran, Nauseef und Janick gruppierten sich um einen zentralen Binnensee und erlebten 3859 vor der Taliser Zeit eine Vereinigung unter Nether dem Älteren. Dieser Priester einer archaischen Armaunator-Tradition verienigte mit Charisma und Gewalt die Milizen der sieben Dörfer unter seinem Befehl und errichtete damit eine politische Ordnung höherer Form: den Staat Netheril - „Nethers Land“.

Das Leben war einfach und primitiv. Und in diesen Jahren, als Nether der Ältere begann eine politische Einheit zu bilden, da entdeckten auch die Elfen des Earlanni-Volkes, die schon damals vom bezaubernden Tal des Delybir aus in die Ebenen östlich des Fernhornwaldes spähten, diese Entwicklung und beobachten die schüchterne Blüte. Eine Blüte der Menschheit, die schattig sich färbte, als Nether der Ältere in gereiftem Alter wahrscheinlich von seinem eigenen Sohn in der Erbzeremonie erdolcht wurde. Wenn Gewalt Gerechtes bewirken kann, dann mag man diese Tat gerecht nennen. Denn Nether war als Tyrann bekannt geworden und sein Sohn Nether der Jüngere war es, der Netheril letztlich eine freie Entfaltung ermöglichte. Er regierte mit wesentlich mehr staatspolitischem Geschick und geleitete Netheril durch seine erste Blütezeit. Als demokratisch orientierter Herrscher blieb er der Geschichtsschreibung als wesentlich gemäßigter König in Erinnerung als dessen Vater es gewesen war. Er unterhielt enge Kontak zu den Spähern und Soldaten und gab sich wesentlich gütiger als sein Vater. Sein engster Freund war Therion Gers, der in Folgenden eine herausragende und verklärte Rolle erhalten wird.

Die Entwicklung Netherils blieb wie erwähnt nicht ungesehen und im Jahr 14 nach der Gründung des Siebenbundes traten die Elfen des Earlanni-Volkes an die Nether heran und offenbarten sich nach langer Überzeugungsarbeit als eine sterbliche Rasse. Vormals waren Elfen nur aus Legenden bekannt und galten als Amtswalter göttlichen Willens. Die Elfen hatten lange Zeit die siedelnden Menschen beobachtet und entschlossen sich offenen Kontakt herzustellen. Dieser freundschaftliche Kontakt mit den Earlanni würde viele Jahrhunderte anhalten. Er zeichnete sich durch eine wirkungsmächtige Folge aus: die Elfen des Earlanni-Volkes brachten den Menschen die ersten Erfahrungen im Umgang mit Magie. Sie lehrten die einfachsten Zauber an einige Befähigte und alsbald entwickelte das Interesse und die Begeisterung für die magische Kunst eine solche Dynamik, dass daraus letztendlich das Hochkönigreich Netheril entstehen konnte. Den Earlanni kommt hier also eine historische Rolle bei der Wegbereitung des nesischen Imperiums zu, eine Rolle, die neben der Wirkungsmacht der viel später erst entdeckten, „berühmten Nether-Tafeln“, sträflich verkannt wird.

Als die Earlanni-Elfen sich den Nethern offenbarten und in offenen Kontakt traten, war Therion Gers, der enge Freund des jungen Andril Nether, der erste Mensch, der die Kunst arkane Zauber zu wirken erlernte. Der erste Schritt vom Schmananentum zur Arkanmagie war getan.

Die Legende weiß zu berichten, dass Therion Gers nach einem Jahr der Unterweisung durch die Elfen den ersten Zauber wirken konnte. In einem flüchtigen Waldlager, auf einem Spähritt mit dem jungen Herrscher selbst, da versammelte sich die Reiterschar in einem nebelverhangenen Tannenwald um einen Haufen feuchten Reisigs. Der Boden war gefroren und über alle Maßen entbehrlich waren die Überlandreisen jener Tage und jener Region. Therion Gers trat in den Rund murrender Männer und Frauen und beugte sich hernieder zum Reisig. Und mit einem Blick zu Andril Nether, der die Hände frostig rieb und dem Freund ermutigend zunickte, da sprach jener das Wort „arm“ – das Wort für „Feuer“ im archaischen Nesisch. Und es entfachte arkanes Feuer den Reisig. Der erste Zauber einer 3500 Jahre anhaltenden, arkanen Entfaltung. Therion Gers galt in vielerlei Hinsicht als mythische Gründergestalt des Arkanistenstandes und wurde aufgrund der jungen Unschuld des nesischen Reiches dieser frühen Tage oft verklärt und verehrt. Vielleicht nicht ganz zu unrecht, denn er erinnert auch heute noch, dass nicht die Größe des Schrittes zählt, sondern die Grenze, die man damit zu überschreiten bereit ist.

Ich lasse die Frühgeschichte nun damit beruhen. Es wurde deutlich, dass das Earlanni-Volk durch die arkane Offenbarung, durch die Hinführung zur Drakonischen Sprache und zur Ermutigung des Nether-Volkes, sich frei nach seinem Vermögen zu entfalten, etwas Wunderbares geleistet hatten. Ich schlage nun die Brücke zur Gegenwart und ramme dazu zwei Säulen in das Flussbett meiner Rede.

Zum einen muss erinnert werden, dass die in frühen Tagen begonnene Annäherung der Nether und Earlanni, die sich in gemeinsamem Handel, Kriegszug, arkanem Austausch und Erkundung des Unbekannten niederschlug, auch harte Zeiten erdulden musste. Nether war ein Königreich, das in vielen Dekaden auch über sich selbst zu wachsen drohte. Es wurde selbstgerecht, und bekam durch manchen Arkanisten ein Gesicht der Tyrannei und der Überheblichkeit. Dies konnte jedoch das Bewusstsein der größen Arkanisten zu keiner Zeit trügen, die sich allzeit der Verantwortung gegenüber den Earlanni, und auch den Zwergen von Delzoun, bewusst blieben. Davon zeugen beispielsweise die philosophischen Schriften des Ioulaum, Congenio Ioun, Dekanter, Oberon oder auch Karsus. Vorurteilsbehaftet muss man den nennen, der Netheril ein hastiges, undankbares und seiner selbst nicht bewusstes Königreich nennen will.

Der zweite Brückenpfeiler in die Gegenwart steht zur Zeit nach Karsus' Fall, als die Nether dem Heimatlande fliehen mussten das der Großen Wüste anheim fiehl. Die Earlanni ermöglichten vielen Flüchtlingen eine Unterkunft. Und einer der Hauptfluchtwege war ein Pass über die Graugipfel, an dessem Pfad heute die trutzige Festungsstadt Llorkh steht und der an den Auen und Bächen des Delymbir weiter nach Westen sich verliert. Ohne die Bereitschaft der Earlanni sich in diesen Zeiten den Flüchtlingen zu öffnen, hätten vielleicht die Menschen sich selbst aufgerieben oder wären Orken, Trollen, Sumpfgebieten oder schlicht der unendlichen Weite des Nordlandes zum Opfer gefallen. Und sicherlich wurde auch in dieser Zeit spätestens, das erstemal eine Siedlung an einer sehr günstigen, blühenden Flussbiegung gegründet, die Elfen und Menschen gleichermaßen offenstand. Die götterbeschienene, grüne Stadt Lautwasser, nennt man sie heute.

Ich bin nun schon in der Gegenwart angelangt und sollte hier nun auch enden. Es mag dem geneigten Hörer in Angedenk bleiben, dass wir, die wir heute auf diesen jahrtausende alten Pfaden des Delymbir und der Graugipfel schreiten, ein Erbe damit aufnehmen. Insbesondere als Arkanisten. Das Tal des Delymbir und mehr noch die Stadt Llorkh sind ein Schmelztiegel der Geschichte. Von Osten weht der heisse Wind der Anauroch das Angedenk des Menschenreiches Netheril heran. Von Westen streift eine frische Brise gemeinsamer Geschichte von Elf und Mensch unseren Intellekt. Dieser Region, die wir unsere Heimat nennen, sind wir als Arkanisten verpflichtet. Das ist vielleicht unsere freie Entscheidung. Doch damit nehmen wir ein uraltes Erbe der Altvorderen auf, darüber können wir nicht frei entscheiden. Dieses Erbe tragen wir. Und es nötigt uns anzuerkennen, dass der Titel eines Arkanisten das Vermögen bezeichnet, über eine weltverändernde Kraft zu verfügen. Mit klarem Verstand und Bewusstheit.

Kthph


Autor: Letos